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Die Elektrifizierung


29.08.2010

Literatur:

siehe Gehaus bis 1900



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Kienspan:


Kienspanhobel:


Kerze:


Petroleumlampe:


Du kannst es dir heute sicherlich nur schwer vorstellen, wie ein Leben ohne Elektrizität funktionieren sollte. Und doch war es für die Bewohner von Gehaus eine Mischung aus Angst vor dem Neuen und von Hoffnung auf etwas Komfort, mit der sie dem "LicKienspanhobe
ht" entgegen sahen. Zu unserer Zeit machten noch die Kuriosa die Runde, wie dieser und jener bekannter Älterer die Glühlampen ausblasen wollte, weil er es mit der Petroleumfunzel so gewohnt war.
Viele Elektrohaushaltsgeräte gab es zu unserer Kinderzeit noch nicht: keine Waschmaschine, keinen Kühlschrank, der Kaffee wurde mit der Hand gemahlen. Für Wasser gab es jedoch den Tauchsieder, zumeist wurde das Wasser auf dem Herd zum Kochen gebracht, so sparte  man, da der Herd fast immer befeuert war - im Winter wegen der Wärme, na ja und zum Essen kochen stand der Herd sowieso fast immer "unter Dampf". Nur in der Scheune trieben Elektromotoren die Kreissäge, die Schrotmühle und - verbotenerweise - die Ölpresse an. Wir Kinder verkrochen uns auf dem Schuppenboden zu diesem ungesetzlichen Tun, wobei wir beständig auf der Hut sein mussten, das Pforrs Edwin, der Dorfpolizist, das auftaucht. Einmal muss er wohl doch mal was mitbekommen haben, es geschah wohl weiter nichts, außer dass Edwin abends eine Flasche Speiseöl holte. So jedenfalls fing der Sozialismus an - auch dieser war nur zu ertragen nach dem Motto: leben und leben lassen.


Man möchte es nicht glauben, dass es um die Jahrhundertwende noch den Kienspan bei uns gibt, das Leinöllicht sein trübes Licht verbreitet, die Talgkerze flackert und bis gegen Ende des 1. Weltkrieges noch immer die Petroleumsfunzel die modernste Beleuchtung in den Gehauser Stuben ist. Erstmals mit dem Beginn des Kali-Bergbaues in Oechsen erreicht der elektrische Strom auch unser Territorium. Diese neue Licht- und Energiequelle ist etwas Faszinierendes und besitzt auch für die Menschen unseres Dorfes ihre unbestreitbare Anziehungskraft.
Trotzdem lässt die Entscheidung des Rates auf das Lieferangebot der Gewerkschaft Hattorf (dort wird der Strom erzeugt) vorerst auf sich warten. Wieder einmal ist das liebe Geld im Spiel. 1916 will der Rat über ein im Dorf zirkulierendes Schreiben in Erfahrung bringen, wer für und wer gegen das "Neue" Licht ist. 1917 erfolgen wiederholt Gemeindeversammlungen. Der Beitritt zu einem in der Sache gegründeten Zweckverband wird vom Rat abgelehnt. Einem Vertragsabschluß will man nur zustimmen, wenn Hattorf neben den Kosten für den Fernleitungsbau auch die Installation des Dorfnetzes finanziert.
Unabhängig davon wird das Projekt im August. 1918 dennoch in Angriff genommen, seine technische Ausführung der Elektrofirma Bogenhardt & Co. in Erfurt übertragen und auf diese Weise erreicht (die Gemeinde hat inzwischen doch noch Anteilscheine im Werte von 3.000 Mark erworben und sich dadurch weiter verschuldet), dass erstmals am 13. Juli 1919 in den Gehauser Stuben die Lichter aufflammen.
Wie bei der ersten Frei-Haus-Lieferung des Wassers ist auch das erste Aufleuchten des neuen Lichtes für das Dorf ein ganz großes Ereignis.
Der Anschluss der Hohenwart an das Stromnetz muss 1923 auf dem Höhepunkt der Inflation wegen der Projektsumme von 800 Mio. Mark zwangsläufig hinausgeschoben werden. Das ist offensichtlich auch der Grund dafür, dass die streitbaren Hohenwärter ihre Ausgliederung aus Gehaus und den Anschluss an Stadtlengsfeld beantragen, wie wir heute wissen, allerdings ohne Erfolg. Nach Stabilisierung der Währung kommen die Hohenwärter dann schon 1924/25, d.h. überraschend schnell, zu ihrem Strom.
Wenn wir Ratsprotokollen folgen, leuchtet bei ihnen weniger hell als das neue Licht allerdings das finanzielle Gewissen. Bis in die 30er Jahre hinein dauert es nämlich noch, bevor sie die der Gemeinde gegenüber im Zusammenhang mit dem Stromanschluss übernommenen Schuldverschreibungen endlich ablösen.