Logo Dorfgeschichten
Logo Ortseingangsschild

Gehaus bis 1900


06.04.2008

Inhalt:


Literatur:

  • Spangenberg: Hennebergische Chronika, 1598
  • Heim: Hennebergische Chronika, 1767
  • Mey, Joh. Heinr.: Vaterlandskunde, 1821
  • Kronfeld: Landeskunde des Großherzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach, 1879
    Download
  • Bach, C. E.: Im Tullifeld, 4-bändig 1897, 1898, 1899, 1908
  • Lohfeld/Voss: Bau- u. Kunstdenkmäler Thüringens, Jena 1911
  • Schubart, Andreas: Lob der Heimat, Dermbach 1923
  • Österreich, D.: Die arme Rhön
  • Rollberg, Fritz: Wirtschaftliche und soziale Verhältnisse Mitte des 19. Jh. im Eisenacher Oberland, 1936
  • Boehn, Max: Deutschland im 18. Jh., Berlin 1921
  • Kraft, Günther: Historische Studien zu Schillers Schauspiel "Die Räuber", Weimar 1959
  • Die Dorfchronik des Paul Gerstung †
  • A. Schröder „Land an der Straße“ St. Benno-Verlag GmbH Leipzig 1989

Archivarische Quellen:

  • Kirchenchronik Gehaus u. Dermbach
  • Staatsarchiv Weimar
  • Staatsarchiv Meiningen
  • Hessisches Staatsarchiv Marburg
  • Kreisarchiv Bad Salzungen
  • "Chronik" des VEB "Kali Werra"


powered by FreeFind

Benutzungshinweise für die Suchmaschine hier
Suchen und Finden


Abb. 1: Der Dorfkern(Unteres Schloss, Schule, Kirche und oberes Schloss mit Park)


Abb. 2: Die Hohenwart von der Oechsener Höhe


Abb. 3: Altenroda und Hohenwart vom Baier


Abb. 4: Die Hohenwart aus der Schlägelbach


Abb. 5: Die Schlägelbach


Abb. 5: Wiese in der Fischbach


Abb. 7: Die Baiershofer Flur, im Hintergund: links Stoffelskuppe, rechts Horn


Abb. 8: Die Gehauser Flurnamen


Die „Gehauser“ Geschichte bis zur „Wüstung Gehaus“

Im 14. Jh. beginnt erst die urkundlich belegte Geschichte des Dorfes Gehaus. Nachdem die Existenz fast aller Orte der Rhön irgendwo schriftlich bestätigt wurde, findet unser Dorf am 13. Mai 1355 endlich auch nachweisbar Erwähnung, und zwar in den Annalen des Klosters Allenstein. Das Dorf bzw. die Gemarkung  Gehaus ist mindestens seit damals eng mit dem Amt Stadtlengsfeld verbunden, und hat seither und sicher auch schon vorher mit ihm die Herrschaft gemeinsam. Daher kann ich auch auf Kronfelds Landeskunde Thüringens verweisen, die ich komplett für alle Orte des heutigen Wartburgkreises als PDF-Datei zum Download zur Verfügung stelle. Wenn du darin die Ausführungen zum Amtsgerichtsbezirk Lengsfeld liest, dann ahnst du wohl auch, wer damals in der Gehauser Flur das Sagen hatte.
Selbstverständlich war dieser Flecken Erde nicht erst seit dem 13. Mai 1355 bewohnt, kein Mensch hätte ihn sonst der Erwähnung wert befunden. Die archäologischen Funde reichen wesentlich weiter zurück: In unserer mittelbaren Nachbarschaft, bei Leimbach, entdeckte man 1878 in einem größeren Gräberfeld Bodenaltertümer in Form von eisernen Lanzenstücken, Bronzeringen, Tonschalen, Eisen- und Bronzenadeln (Fibeln), aus der Umgebung von Oechsen sind uns Dolchklinge und Schwurring  aus einem Grab der Bronzezeit überliefert. Auf dem Territorium unseres Ortes weist ein bronzezeitliches Hügelgrab auf vorgeschichtliche Besiedlung hin. Westlich des Weges Hohenwart - Baiershof, im Flurteil „An der Kuhhalle“ gelegen, ist es Teil eines ausgedehnten, heute bodengeschützten Hügelgräberfeldes, das weit in die Gemarkung Stadtlengsfeld hineinreicht. Auf dem Baier existieren zwei Ringwallanlagen, vermutlich Fluchtburgen, die keltisch beeinflusst scheinen. Die Datierung ist unsicher, entstanden sind sie sicherlich in der La-Tène-Zeit, als vor allem keltische Handwerker und Erzsucher aus dem Süden in dieses Gebiet vorstoßen und eine Keltisierung der einheimischen Bevölkerung einleiten [siehe: Sagenhafte Geschichte(n)]. Danach scheint die Rhön zum Bewohnen zunehmend unattraktiver geworden zu sein, erst mit der Frankenherrschaft beginnt allmählich wieder eine Besiedlung der Rhön [siehe auch: Der Bauernstand]. Die Klostergründung in Fulda durch Sturmius (im Auftrag des Bonifazius) im Jahre 744 scheint die kulturelle Entfaltung der Rhön ausgelöst zu haben, die häufigsten Ersterwähnungen in der Rhön fallen in die Zeit zwischen der Klostergründung und dem Jahrtausendwechsel.

Wenn wir bedenken, dass Ansiedlungen vor allem in der Nähe von alten Handelswegen entstanden, so wäre es unverständlich, wenn „Am Gehaws“ nicht schon viel früher gesiedelt wurde. „Am Gehaws“ wurde unser Dorf 1355 in der Urkunde unserer Ersterwähnung bezeichnet. Darum sollte zunächst darüber nachgedacht werden, was dieser Name bedeuten könnte. Das „Deutsche Wörterbuch“ von Jacob und Wilhelm Grimm legt die Vermutung nahe, dass es sich ursprünglich um einen Waldschlag, der immer wieder aufgeforstet, ein Viehgehege oder um einen Verhau oder Hag aus gehauenen Bäumen als Schutz gegen Feinde gehandelt haben mag. Das würde an einem Handelsweg durchaus Sinn machen. Selbst ein ehemaliger Steinbruch im Gelände des heutigen Schlossparks könnte zur Bezeichnung „Am Gehaws“ geführt haben. Durch die Rhön führten der Antsanvia, Antsanweg oder Königsweg (in der Lebensbeschreibung des heiligen Sturmius genannt)  von Mainz nach Erfurt - über Fulda, Wenigentaft, die Ulster abwärts bis Vacha, und Eisenach. Ein zweiter wichtiger Weg von Fulda nach Salzungen wird im 9. Jh. genannt. Er führte über Spahl, Geisa, Borsch (?) und Stadtlengsfeld. (A. Schröder „Land an der Straße“ St. Benno-Verlag GmbH Leipzig 1989, S. 15). In einer Karte aus dem Jahre 1721 wird eine heute nicht mehr existierende Straße von Niederoechsen nach Gehaus die „Alte Straße“ genannt. Diese „Alte Straße“ führt weiter über die „Hohe Brücke“ und die „Hausemühle“ zur heutigen Straße über Bremen nach Geisa.

Warum wohl unser Dorf erst so spät schriftlich nachgewiesen ist? Lengsfeld und damit die Gehauser Flur gehörten ursprünglich, d.h. vom Beginn der Christianisierung an, zum Einflussbereich der Hersfelder Abtei (wenngleich 897 auch fuldasche Lehnsrechte dort nachgewiesen sind). Merkwürdigerweise tritt es jedoch erst 1239  urkundlich erstmals auf den Plan. Das mag daran liegen, dass die Schenkungsregister der Abtei möglicherweise durch Brand vernichtet oder aber auf andere Weise untergegangen sind. Das würde auch erklären, warum sich das Dunkel über seiner Geschichte erst wieder lichtet, seitdem es die fuldasche Regentschaft dort gibt. So betrachtet können Lengsfeld und bei der engen politisch-territorialen Verflechtung auch unser Dorf, selbst wenn der urkundliche Beweis darüber fehlt, durchaus mitten in der Reihe der Ortsjubiläen anderer Rhöndörfer den zugehörigen historischen Platz finden.

Tatsächlich sollen bereits im 11. Jh. unsere ältesten Vorfahren sich im Schutz der Hohle und dort rund um eine kleine Kapelle herum angesiedelt haben.

Sollte es sich jedoch einmal herausstellen, dass das in der Kirchenchronik von Dermbach unter dem Jahr 825 genannte GOHUSA der historische Vorgänger unseres heutigen Dorfes ist (und nicht etwa der Namensvorgänger von GEISA, was ebenfalls denkbar wäre), so wäre Gehaus in der Tat ein ganzes Stück älter, als es die Geschichte wahrhaben will.

Es ist schon merkwürdig, dass die Historie unseres Dorfes ihren Anfang nicht beim Dorf selbst nimmt, sondern bei jenen Siedlungen in der Flur, die bereits existieren, als es unseren Ort noch gar nicht gibt [siehe: Siedlungen und Höfe in der Gehauser Flur]

In Lengsfeld hat 1337, wie wir bei Kronfeld lesen können, den Frankensteiner Besitz das Stift Fulda übernommen, das als Lehnsherr Schloss, Stadt und Gericht, ganz oder teilweise und im häufigen Wechsel, seinen dort eingesetzten Amtsleuten oder auch anderen Leuten überlässt.

Es muss damals eine sehr unruhige Zeit gewesen sein. So lösen sich in der Herrschaft die Adligen und Ritter von Pferdsdorf, von Leupold, von. Reckerodt, von. Manebach, von Buteler, von Herbilstat und von Täfta einander ab, bis 1454 der Abt die Hälfte der Stadt, der Burg und des Amtes Lengsfeld an Philipp von Herda verpfändet. Dessen Söhne Raban und Mangold sowie der Enkel Philipp verstehen es, die in der Herrschaft vorhandenen Güter der von  Ellen, von Rosenberg, von Buchenau, von Weyhers, von Reckerod und anderer durch Kauf, Tausch, Verpfändung an sich zu bringen und ihrem Besitzstand anzugliedern.

Doch auch klimatisch war diese Zeit eine ungemütliche Zeit. »1313 bis 1319 stellten sich Extremereignisse mit Überschwemmungen ein. 1342 kam es zu einer ungeheuren Hochwasserkatastrophe in Mitteleuropa, verbunden mit einer beträchtlichen Umgestaltung der Kulturlandschaft durch Bodenerosion. Während einer außergewöhnlichen Wetterlage generiert sich aus einem mehrtägigen wolkenbruchartigen Dauerregen eine „Jahrtausendflut“. Der Bodenabtrag auf den Nutzflächen ist gewaltig. Man schätzt, dass auf dieses eine Ereignis die Hälfte des gesamten Bodenverlustes der letzten 2.000 Jahre entfällt. Im Gefolge dieser Entwicklung treten Pestepidemien (zwischen 1347 und 1352) auf  - die Bevölkerung ist auf Grund der Mangelversorgung durch die Klimakrise geschwächt und für Seuchen disponiert. Zusammen mit den Opfern der Hungersnöte reduziert sich die Bevölkerung um mehr als 40 Prozent. Mitteleuropa erlebt einen zivilisatorischen Rückfall mit Aberglauben und Hexenverfolgung. « [PDF-Datei: Wolf Dieter Blümel: "20.000 Jahre Klimawandel und Kulturgeschichte – von der Eiszeit in die Gegenwart", Seite 26].

Immerhin fand ich in den „Heimatglocken für Gehaus“ vom Juli und August 1914 folgenden Artikel: „Durch die Güte des Herrn Major, Freiherrn von Boyneburg zu Weilar sind dem Pfarrer Friderici daselbst folgende Nachrichten zugekommen: Das jetzige Dorf Gehaus … bestand bis noch zum Anfange des 16. Jahrhunderts aus einem Schafhofe und einigen Bauernhöfen, die Ludwig von Boyneburg, Landhofmeister und Statthalter von Hessen, der das Amt und die Stadt Lengsfeld teils erheiratet. Teils erkauft hatte, von Albrecht von Reeserod im Jahr 1506 sich erwarb. In einem Zeugnis vom Jahre 1451, Montag nach Mathias, werden schon Einwohner von Gehusen, als Haus Bone und Haus Ertebach genannt. Dieses, wie auch, daß obengenannter Ludwig von Boyneburg und seine Söhne den Wald darauf ausgerottet, Ansiedler dahin gezogen, denselben Land zum Bestellen gegeben haben, die Kirche und das Pfarrhaus erbauten und dieselbe dotierten, daß ein Pfarrer diese Stelle versehen konnte, findet sich die Nachricht im Archive zu Weilar.
Die Dotierung (d.h. Besoldung bestand damals aus 10 Acker Land, 6 Acker Wiese zu 4 Fudern Heu und jährlich 10 Malter Korn und 6 Maltern Hafer nebst dem benötigten Brandholze. Die Dorfeinwohner mußten von ihren erhaltenen Äckern jährlich 5 Malter 2 Malter Korn und 4 Maltern Hafer geben und das Pfarrgut unentgeltlich bestellen.
Da damals das aufgehobene Kloster Mariengarten, welches Ludwig von Boyneburg von dem Abt von Hersfeld erkauft hatte, nach Gehaus gepfarrt wurde, so hatte Ludwig die Pfarrei mit 2 Malter Korn und 1 ½ Malter Hafer bedacht, die Reisigmühle mit 5 Maß Korn und 5 Maß Hafer. Als aber später diese Besitzungen an Johann Friedrich von Buttlar durch Heirat kamen, der daselbst eine Kirche baute und eine katholische Capellanei stiftete (die später, als es an Hessen verkauft wurde, auch wieder einging), hörte diese Einnahme des Pfarrhauses zu Gehaus auf.“

Das Dokument, worauf sich bzgl. 1451 Vikar W. Floß hier beruft, ist leider nicht aufgefunden worden.

nach oben


Gehauser Herrschaftsgeschichte

Am 29.4.1475 bekennt Raban von Herda, dass ihm Abt Johann von Fulda mit einem Burglehen im Schloss Lengsfeld sowie anderen Gütern belehnt hat, darunter das „gehowes“, eine von drei kleinen Wüstungen unter dem „byer“, einst denen von Lichtenberg zugehörig .
Am 6.Juni 1490 belehnt Abt Johann von Fulda Hans und Werner von Reckerodt mit bestimmten Gütern, darunter die „Wüstung zum Gehaus“.
1494 bringt Ludwig von Boineburg mit Willen des Lehnsherrn, der Reichsabtei Fulda, von Philipp von Herda das Burglehn zu Lengsfeld an sich. Fernerhin das „Gehäuß, die drei kleinen Wüstungen daselbst ... der Gerechtigkeit derer von Reckerodt zugehörig“. Die erste Lehnsurkunde über diese von den Boineburgs erworbenen Besitzungen datiert vom Jahr 1523, die letzte erhalten gebliebene vom Jahr 1785.
Bereits Burgherrn auf der „Krayenburg“ kommen die Boineburgs mit Konrad von Boineburg (der "kleine Hess genannt") 1495 nach Weilar. 1506 kauft Ludwig von Boineburg, Schwiegersohn und Erbe des jüngeren Philipp von Herda, um den Preis von 647 Gulden Gehaus, damals im Besitz des Hans von Reckerodt. Bis 1523 bringt Ludwig Zug um Zug neben anderen Lehnsgütern und Pfandschaften die gesamte Herrschaft Lengsfeld in seine Hand.
Auf diese Weise wird er Grundherr über Lengsfeld, Weilar, Gehaus, Bayersstrut (auch Bayersbrut), Bayershof, Schrammenhof sowie die Wüstungen Kohlgraben, Fischbach, Altenrod und Hohenwart.
Dem Stift Fulda zwingt er dabei das Zugeständnis ab, dass ein Rückkauf dieser Pfandschaften durch das Stift nur mit seiner und seiner Nachkommen Einwilligung möglich ist. Das hindert Fürstabt Balthasar von Dermbach, Inhaber des Stuhls der fuldaschen Äbte, jedoch nicht daran, 1573 die Einlösung der Pfandschaften beim Reichskammergericht in Wetzlar einzuklagen und nach Abweisung wegen fehlender Beweise die Wiederaufnahme des Prozesses zu betreiben.
Der 30-jährige Krieg lässt den Streitfall untergehen. Ein anderer entzündet sich mit dem streitbaren Fulda noch im gleichen Jahr.
Inzwischen in mehrere Linien aufgeteilt und um eine weitere Zersplitterung ihres Grundbesitzes besorgt, kommen die Boineburgs in ihrem 1594 abgeschlossenen und 1685 erneuertem Familienvertrag (als „Burgfrieden“ bezeichnet, der allerdings erst 1712 seine kaiserliche Bestätigung erhält) überein, dass Güter nur mit Zustimmung der Familie verkauft und nur in männlicher Linie vererbt werden dürfen.
Gleichzeitig schließen sich die Freiherren dem Kanton „Rhön – Werra“ der Reichsritterschaft an, einem Schutzbündnis gegen die sie in ihrer Selbständigkeit bedrohenden Reichsfürsten.
Als 1694 ein Boineburg (Johann Christian von Boineburg) unter Bruch des Familienvertrages seinen Anteil an der Herrschaft Lengsfeld für 30.000 Gulden an Abt Placidus von Fulda verkauft, kommt es zu offenem Konflikt mit dem Abt, der sich durch Bewaffnete zwei Mal der Stadt bemächtigt und darüber hinaus weitere Besitzungen in der Herrschaft hinzu erwirbt.
Dieser regelrecht mit Holzknüppeln ausgetragene Konflikt, der Abt bietet hierfür 660 Mann im Amt Geisa und Eiberstein rekrutierter und mit solcher Art Waffe ausgerüsteten Soldaten auf, geht als „Lengsfelder Knüttelkrieg“ in die Geschichte ein.
Das Amt Lengsfeld, seit 1235 im fuldaschen Besitz und von Fulda mehrfach verpfändet, wird 1701 vom Stift aufgegeben seine Besitzansprüche 1705 vom Reichskammergericht im Nachhinein für null und nichtig erklärt.
Trotzdem bleiben die Boineburgs nicht die alleinigen Besitzer des Amtes. 1735 verkauft ein Boineburg seinen verschuldeten Besitz an den Freiherrn von Müller, der jedoch in den Familienvertrag eintritt. Nunmehr sind es zwei reichsfreie Familien, die Lengsfeld, Weilar und Gehaus regieren.
Spätestens ab da gibt es auch jene historische Verwandtschaft zwischen unseren Orten, die im Bewusstsein seiner Menschen weiterlebt, wenn sie deren Namen, oft genug noch, in einem Atemzug zu nennen pflegen und in neuester Zeit zur Eingemeindung von Gehaus nach Stadtlengsfeld führte.
Grenzsteine im Bereich des Baierhofs, mit v.B. und v.M. sowie der Jahreszahl 1782 gekennzeichnet, erinnern heute noch an die damals neu geschaffenen Besitzverhältnisse.

nach oben


Siedlungen und Höfe in der Gehauser Flur

Als die Boineburgs 1506 Gehaus kaufen, gehört zu dessen Grund und Boden auch eine Siedlung Baiersdorf, vermutlich im heutigen Baiersrod gelegen und identisch mit Baiersstrut oder auch Baiersbrut, zwei historisch überlieferte Ortsbezeichnungen.
Die Siedlung hat vielleicht schon im 12. Jh. bestanden. 1194 nämlich wird in geschichtlichen Quellen als Bruder des Heinrich von „WILERE“ (=Weilar) ein Arnold von Biger (hinter dessen Namen sich das Wort "Baier" verbergen könnte) als möglicher Besitzer dieser offenbar nur aus einer Hofstelle bestehenden Siedlung genannt. Sie wäre demnach der älteste Ortsteil unseres heutigen Gehaus.
Wichtige Aufschlüsse über die Geschichte unseres Dorfes vermittelt uns der Stadtlengsfelder Amtmann Knips. In seiner „Amtsgeschichte über das Amt Stadtlengsfeld“ vom Jahr 1826 überliefert er uns Wissenswertes auch über die anderen in unserer Flur gelegenen Siedlungen.
Der Hof „Altenrod“, ehemals südlich der Hohenwart im heutigen Flurteil „Altenrod“ gelegen und als Wohn- und Siedlungsstätte schon zur Zeit des Bauernkrieges (1525) bekannt, besteht 1835 laut Kirchenchronik nur noch aus einer einzigen Hofstelle, die spätestens 1865 jedoch aus der Flur verschwunden ist.
Nach Knips' „Amtsgeschichte“ ist der Hof Vorwerk eines noch um 1520 im Schlägelbach existierenden Pachthofes, der 1432 dem Adligen von Tafta gehört, im Wechsel der Besitzverhältnisse auf Philipp von Herda und schließlich durch Heirat auf dessen Schwiegersohn Ludwig von Boineburg übergeht.
Später gehört das Vorwerk, wie es heißt, als „kleiner Ökonomiehof“ einem der Gehauser Vorstände, ist der Ortsherrschaft lehn- und zinspflichtig und wird vom Eigentümer verpachtet. 1821 ist ein Adam Johann Lückert, Mitglied und 1. Gerichtsschöppe des Ortsvorstandes, Pächter dieses Anwesens.
Ebenso wie „Altenrod“ dürften die uralten Siedlungsstätten „Fischbach“ und „Hohenwart“ Vorwerke von ehemals in der Feldflur gelegenen Rittergütern gewesen sein.
Von der geschützten Lage sowie dem Wasser- und Fischreichtum angelockt, mögen schon lange Menschen in der Fischbach gelebt haben, bevor sich um 1750 ihre uns vertrauten Nachfahren hier niederlassen. Um 1800 ist die Fischbach, wie es bei Knips heißt:
„ein Aggregat von einigen der Gehauser Oberschlossherrschaft lehnbaren Hütten, deren Eigentümer größtenteils arme Tagelöhner, denen der Hauptmann Heinrich Wilhelm Carl von Boineburg die Erlaubnis zur Anbauung und Ansiedlung aus purer Bauliebhaberei gegeben hat.“
Über den Alltag der Fischbacher ist uns wenig bekannt, eben so viel aber, dass sie als lehnspflichtige Erbuntertanen sich ihr Wohn- und Aufenthaltsrecht durch ein entbehrungsreiches und von Not gezeichnetes Leben von den Boineburgs teuer haben erkaufen müssen. Vom Fischreichtum des Platzes ist wohl nur wenig für sie abgefallen.
1820 werden in der Fischbach fünf Wohnhäuser mit 24 lutherischen Einwohnern nachgewiesen. An anderer Stelle erfahren wir, dass es auch 1 katholische Familie, und was nicht wenig überrascht, sogar ein Wirtshaus dort gegeben hat.
Der Platz muss nach wie vor eine besondere Anziehungskraft besessen haben, denn 1835 sind es nach Angaben der Kirchenchronik bereits 14 Häuser bzw. 14 armselige, strohbedeckte und schmutzstarrende Hütten, was der Wirklichkeit sicher näher kommt.
Laut Kirchenchronik wird die letzte dieser Behausungen 1850 abgerissen (nach Kronfelds "Landeskunde" jedoch erst 1865). Als man am 1. Febr. 1920 Kaspar Nennstiel zu Grabe trägt, übergibt man gleichzeitig auch den letzten in der Fischbach geborenen Gehauser der Erde.
Was die Zeit, bevor sie alles zudeckt, zurückgelassen hat, sind die Reste alten Gemäuers, Stachelbeergestrüpp und dahinmoderndes Holz zerbrochener Zaunfelder. Zeugnisse der Vergangenheit, deren sich die Alten aus dem Dorf noch gut zu erinnern vermögen. Umherstehendes Fliedergebüsch hat die Zeit überdauert und treibt heute noch seine weisen Blüten.
Als herrschaftlicher Hof gehört die Hohenwart seit dem 16. Jh. zum Besitzstand der Boineburgs, die von hier aus vermutlich auch den oben genannten Schlägelbacher Pachthof bewirtschaften.
Trotz häufigen Besitzerwechsels bleibt der Hof immer wieder in ihren Händen. Der 1614 geborene Georg Eberhard von Boineburg verkauft den Hof, wie es heißt, „gegen sechs Malter Korn, soviel Hafer und zwei Malter Weizen auf Erblohn“. Ein Georg Philipp von Boineburg erwirbt später den Besitz von Johann von Barchfeld (Barchfelder Linie der Boineburgs?) für eine Summe von 900 Gulden käuflich. 1785 geht das Anwesen an die in Gehaus und Weilar residierenden Brüder Hauptmann Carl von Boineburg und Hauptmann und Geh. Regierungsrat Ernst Abraham von Boineburg über.

nach oben


Vom 16. bis zum 18. Jahrhundert

Wie wir den Besitz-Urkunden vom Ende des 15. Jahrhunderts entnehmen können, war Gehaus war also eine Wüstung, ein aufgegebenes Dorf. Das ändert sich, als die Boineburgs 1506 hier einziehen. Wie die Kirchenchronik uns überliefert, „haben Ludwig von Boineburg und seine Söhne den Wald gerottet, Ansiedler dahin gezogen und das Land zum Bestellen gegeben“.
Der Zustrom von Siedlern muss anfangs jedoch nur gering gewesen sein. Bei Knips heißt es hierzu: „... standen während der Götz von Berlichingen-Fehden und des Bauernkrieges (1500 - 1525) auf dem Platz, auf welchem jetzt Gehaus steht nur ein großer Schafhof und zwei Häuser. Sie gehörten dem Ritter Hans von Reckerodt“. Unbestritten ist, dass es Hörige des Reckerodt sind, die als Schafhirten und zugleich als erste Gehauser hier leben.
Und diese Gehauser sind Zeitzeuge des im April 1525 ausbrechenden Bauernkrieges, des Aufstandes der unterdrückten Bauernschaft. Denn wirtschaftliche Probleme, häufige Missernten und der große Druck der Grundherren führten immer mehr Bauern in die Hörigkeit und weiter in die Leibeigenschaft, woraus wiederum zusätzliche Pachten und Dienstverpflichtungen resultieren. Auch das „Alte Recht“, ein mündlich überliefertes Recht, wurde von den Grundherren zunehmend frei interpretiert oder vollkommen ignoriert. Seit Jahrhunderten bestehende Allmenden wurden enteignet und gemeinschaftliche Weide-, Holzschlag-, Fischerei- oder Jagdrechte beschnitten oder abgeschafft.
Für unser Gebiet nimmt der Krieg im benachbarten Völkershausen seinen Anfang. Hier sind es aufrührerische Bauern, die den adligen Grundherrn Hans von Völkershausen zur Unterwerfung zwingen, weil er sich der Anstellung eines evangelischen Predigers  widersetzt. Rundherum kommt es zu spontanen Erhebungen. Das Servitenkloster in Vacha wird zerstört, das Kloster Mariengart geplündert, beide durch Fron und Zins geknechteter Bauern reich und wohlhabend gewordene Kirchengüter.
In Vacha sammelt Hans Sippelt aufständische Bauern aus den umliegenden Dörfern um sich, um sie als Oberster Hauptmann des Werrahaufens dem Revolutionsheer Thomas Müntzers zuzuführen. Ob Gehauser dabei waren, ist unbekannt.
Die Boineburgs, darunter Ludwig von Boineburg, sitzen zu dieser Zeit noch auf der Krayenburg bei Tiefenort. Die Not und Entschlossenheit der Bauerhaufen erkennend, entschließen sie sich, zusammen mit sechs weiteren Adligen des Werratals zu einem Bündnis mit den Bauern und erkennen gleichzeitig deren Forderung nach Anerkennung der sogenannten 12 Artikel an.
Darin werden u. a. die Abschaffung der Leibeigenschaft und der Folterstrafe, die Beschränkung der Frondienste, Abschaffung des Zehnten, freie Holzung, freie Jagd und Fischerei, Rückgabe der Allmende und des Gemeindewaldes an die Bauern sowie freie Pfarrerwahl verlangt. Auf einer gemeinsamen Zusammenkunft am 23.4.1525 in Stadtlengsfeld unterschreiben die Boineburgs die zwölf Artikel.
In der Schlacht bei Frankenhausen am 14. Mai 1525 scheitert bekanntlich der Aufstand der Bauern. Sie sterben auf Richtblöcken, erdrosselt, erschlagen, mit der Folge, dass Willkür und Unterdrückung, Knechtschaft und Unfreiheit, nicht zuletzt auch für die Menschen unseres Dorfes, noch über Jahrhunderte fortdauern.
In Völkershausen hat Hans von Völkershausen 1525 bereits auf der Grundlage eines "Huldigungsvertrages" die Bauern wieder unter seine Botmäßigkeit gezwungen. Die Boineburgs als Lehnsherrn geben ihren Segen dazu, indem sie am 16. März 1526 zusammen mit dem Vachaer Amtmann von der Thann durch Ludwig von Boineburg ihren Namen unter dieses Dokument setzen. So bestehen auch für unser Dorf die alten Zustände weiter, als es die Schwelle zum 17. Jh. betritt, das den Menschen zu der alten, eine neue Not hinzubeschert.
Als Folge des Glaubensstreites zwischen Protestanten und Katholiken bricht 1618 mit allem nur denkbaren Schrecken der 30-jährige Krieg über Land und Menschen herein. Zum Dreißigjährigen Krieg gibt es kaum Überlieferungen aus unserem Dorf. Die Kirchenbücher von Gehaus haben diese Zeit nicht überdauert. Als einziges, aber ausdrucksvolles Schriftzeugnis aus dieser bedrückenden Vergangenheit bewahrt das Pfarrei-Archiv, beginnend mit dem Jahr 1641, das Geburts-, Heirats- und Sterberegister unseres Dorfes auf. Hier seine Eintragungen bis zum Jahr 1650:

Jahr Geburten Hochzeiten Sterbefälle
1641 1 0 1
1642 2 0 1
1643 1 0 0
1644 3 0 0
1645 2 0 0
1646 2 0 0
1647 0 0 0
1648 4 0 1
1649 0 0 0
1650 4 0 2

Es ist offensichtlich, auch Gehaus ist am Ende des 30-jährigen Krieges nahezu entvölkert und teilt mit den vielen anderen Orten das Schicksal eines verwüsteten Dorfes, in dem sich Leben nur noch mühsam behauptet. Dass es in diesem Jahrzehnt die wenigen Geburten aber keine Eheschließungen gibt, beleuchtet einen anderen Aspekt dieser unheilvollen Zeit. Dieser Zeit habe ich eine eigene Seite gewidmet [siehe: Der Dreißigjährige Krieg].
Das Ergebnis des Dreißigjährigen Krieges war eine Reduzierung der Bevölkerung um vierzig Prozent. Äcker lagen brach, das meiste Vieh war den marodierenden Söldnerhaufen zum Opfer gefallen. Viele Wohngebäude, besonders in den nicht durch Mauern geschützten Dörfern, waren zerstört. In den Städten waren Handel und Handwerk zusammengebrochen. Entwurzelte rotteten sich zu Räuberbanden zusammen, um ihr Überleben zu sichern. Auf den durch Erpressungen u. Brandschatzungen, mehr aber noch durch die völlige Lähmung des Handels und Verkehrs verarmten Städten, sowie auf dem flachen Lande, dessen Erwerbsquelle, der Ackerbau, völlig danieder lag, lastete der unerträgliche Druck der Kriegssteuern, welche Deutschland an die fremden Mächte zu zahlen sich verpflichtete, deren Armeen das Land ausgesaugt und. deren Diplomaten große Länderstrecken vom Reiche losgerissen hatten. Die Unsicherheit der Zustände u. die Unmöglichkeit, auch nur die allernächste Zukunft zu berechnen, gewöhnte die Menschen an flüchtigen Genuss des Daseins, an maßlose Befriedigung der Leidenschaften und. Begierden, um sich für vergangene und etwa noch kommende Gefahren und Entbehrungen schadlos zu halten. So schwand aller sittliche Halt, die Gesellschaft geriet aus den Fugen und die roheste Selbstsucht erwuchs auf den Trümmern der Kultur und. Zivilisation. Nur die Macht der Gewohnheit und der Tradition hielt die verwilderten Nachkommen des Krieges zu Gemeindeverbänden und Genossenschaften zusammen. Am auffälligsten zeigte sich der gesellige Instinkt und die Macht des Herkommens der Menschen in den Dörfern, obgleich diese verhältnismäßig schwerer und härter vom Kriege betroffen wurden, als die Städte, welche wenigstens einige Sicherheit boten und, wofern sie nicht widerstandsfähig waren oder den Kampf scheuten, durch Kontributionen sich von allgemeiner Plünderung loszukaufen vermochten. So scheint es verständlich, dass auf dem Lande mit dem Eintritt des Friedens verhältnismäßig rasch geordnete Zustände und bessere Verhältnisse zurückkehrten, während die Gewerbetätigkeit und der Handel der Städte noch lange Jahre an den Nachwehen des Krieges daniederlagen.

„Man soll nicht sagen, die deutsche Kultur sei im Dreißigjährigen Krieg zerstört worden; der Mensch ist stark und zäh und seine Kultur auch. Mitten im Krieg entstanden die Gedichte des edlen Andreas Gryphius, ergreifende Versuche, die deutsche Sprache zum Klassischen zu zwingen, die Gedichte von Opitz und Gerhardt; im Krieg die Kompositionen von Heinrich Schütz; auch die einfachsten Schöpfungen der Zeit, Volks- und Kriegslieder zeigen, dass Erlebnis und Ausdruckskraft der Menschen nicht versiegt waren. Die tapferste Tat in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges war eine Tat der Menschlichkeit und Kultur: das Buch Friedrich von Spees gegen Hexenwahn und Hexenprozesse, die Cautio criminalis…
Nach einem Krieg, hat Hegel einmal die Pazifisten verspottet, schössen die Saaten ja doch wieder auf, »und das Gerede verstummt vor den ernsten Wiederholungen der Geschichte«. Die Saaten schossen wieder auf auch hier. Sogar waren die Bauern, welche überlebt hatten, nach dem Krieg eher besser daran als vorher, einfach darum, weil so viele fehlten und soviel Land brach lag; wo man tausend Jahre den Boden bebaut hatte, gab es nun Neuland, Land für Pioniere; dergestalt, daß die Regierungen einerseits um Siedler warben, andererseits, zum Beispiel in Sachsen, Gesetze erlassen wurden, um die Bauern an ihre Dörfer zu binden.“
[Propyläen-Weltgeschichte - Golo Mann: Das Zeitalter des Dreißigjährigen Krieges.]

Auch unser Dorf blühte bald wieder auf, in das 18. Jahrhundert fallen der Bau des Oberen Schlosses und der Dorfkirche, das aufkeimende gesellige Leben braucht Dorfkneipen. Vom noch einmal in der Rhön auflodernden Hexenwahn bleibt Gehaus ganz offensichtlich verschont. Vielleicht war es das Ergebnis des weltoffenen Einflusses unserer Boineburger, die auch bald nach dem Kriege Juden nach Gehaus holten, keine Selbstverständlichkeit zu dieser Zeit!

nach oben


Das Wachsen des Dorfes zu Beginn des 19. Jh.

Obgleich niemals Schauplatz der Weltgeschichte geht diese nicht spurlos an unserem Dorf vorüber. In ihrem Verlauf kündigt sich mit den napoleonischen Eroberungskriegen die „Franzosenzeit“ und mit ihr auch unwiderruflich das Ende der Boineburgschen Herrschaft an.
Mit der Übereignung des Fürstentums Fulda (seit 1750 Bischofssitz) an das vom Sturm der französischen Revolution hinweg gefegte holländische Fürstenhaus Oranien als Erbland, „verordnet“ uns Napoleon 1802 eine neue Obrigkeit, was ihn jedoch nicht daran hindert, 1806 die holländische Herrschaft wieder zu beseitigen und gleichzeitig zugunsten seiner im "Rheinbund" zusammengeschlossenen Verbündeten 112 deutsche Kleinstaaten von der Landkarte verschwinden zu lassen (Reichsdeputations-Hauptschluss von 1803). Darunter die kirchlichen Kleinstaaten und reichsritterschaftlichen Ämter.
Fulda wird 1806 seiner weltlichen Macht entkleidet. Die Familie Müller in Lengsfeld und die Boineburgs bei uns verlieren ihre Selbständigkeit. Ihre Herrschaft wird beseitigt, bis auf die „Patrimonialgerichtsbarkeit“, eine zur Erhaltung ihrer Vormachtstellung den Großgrundbesitzern zustehende untere Gerichtsbarkeit, die erst 1849 nach der Revolution aufgehoben wird.
Politischen Machtinteressen ausgeliefert, geraten wir in die Mühle rasch wechselnder Herrschaftsverhältnisse. Wir sind 1803 Opfer einer zeitweisen Annexion durch den Kurfürsten von Hessen, der 1806, nach dem Zusammenbruch des deutschen Reiches, bis zu seiner Vertreibung erneut vom Amt Lengsfeld Besitz ergreift. Bei der politischen Neuordnung von Napoleon vergessen und daher herrenlos, sind wir vorübergehend Untertanen des Weimarer Herzogs Carl-August, der sich selbstherrlich das Amt aneignet.
1808 durch französisches Mandat als dem Fürstentum Fulda zugehörig erklärt, sind das Amt Lengsfeld und wir mit ihm als Kanton Lengsfeld, Distrikt Hersfeld, Departement „Werra“ ab 1810 Teil des neu errichteten Großherzogtums Frankfurt/Main.
Tatsächlich sind wir jedoch Untertanen des von Napoleon eigens für seinen Bruder Jerome geschaffenen Königreich Westfalen, der sich eigenmächtig und selbstherrlich das Fürstentum Fulda aneignet, dort den berüchtigten General La Grange schalten und walten lässt und der erst abtritt, als er 1813 von den verbündeten Preußen, Russen und Österreichern außer Landes gejagt wird.
Die erneute und wiederholte Besitzergreifung des Amtes 1814 durch den Kurfürsten von Hessen wird von Reichs wegen für null und nichtig erklärt. Ab Juli 1815 ist der König von Preußen, der das Fürstentum Fulda samt dem Amt Lengsfeld in Besitz nimmt, unser oberster Landesherr. Bevor im Ergebnis des Wiener Kongresses, der nach den napoleonischen Kriegen das Machtgefüge des damaligen Deutschlands neu ordnet, durch Staatsvertrag das Amt im Febr.1816 und wir mit ihm endgültig an das Großherzogtum Sachsen-Weimar kommen.
Auch unser Schultheiß Adam Johann. Steitz und die beiden Gerichtsschöppen Johann Adam Lückert und Simon Wiegand sind dabei, als im November 1815 der Weimarer Großherzog im Schlosshof von Dermbach von Behörden und Untertanen als künftiger Souverän sich huldigen lässt.
Innerhalb der „Kleinen Eiszeit“ (1550 - 1850) treten auch mildere Abschnitte und sogar sehr warme Einzeljahre auf. Klimatisch ist die Phase durch eine merkliche Unbeständigkeit und damit durch ein großes Ernterisiko gekennzeichnet. Damit steigen (gegenüber stabilen, „berechenbaren“ Klimasituationen) Lebensbedrohung und Zukunftsangst. Spontane wie auch prophylaktische Auswanderungswellen in die „Neue Welt“ sind die verständliche Folge.
1810 rückt im Kanton Lengsfeld eine königlich-westfälische Jägerkompagnie ein, die ein Vierteljahr lang auch auf Kosten unseres Dorfes verköstigt werden muss. Wie ein Zeitzeuge zu berichten weiß, quartieren sich in Lengsfeld bis zur Vertreibung Napoleons 70.000 Soldaten ein, mit allen für die Bevölkerung daraus erwachsenden Entbehrungen und Beschwernissen. Sie hinterlassen eine Kriegsschuld von 42.000 Talern. Wir Gehauser gehören mit zu den Betroffenen.
Noch einmal geraten wir an den Rand kriegerischer Ereignisse, als nach der Völkerschlacht bei Leipzig (16. bis 19. Oktober 1813) Teile der geschlagenen französischen Armee, verfolgt von Österreichern und Preußen, auf ihrer Flucht zum Rhein, von Rosa kommend, auf der Strasse von Dermbach nach Geisa unmittelbar unser Gebiet berühren.
Als alles zu Ende ist, weiß man, dass dieser Krieg dem Dorf eine schwere Schuldenlast aufgebürdet hat, die es jahrelang mit sich herumschleppen muss. Ob auch Gehauser am Befreiungskrieg 1814/15 teilnehmen, ist zumindest zweifelhaft. Mehr als die nationale Not dürfte sie die eigene und die Not ihrer Familien bedrängt haben.
Mit der Besitzergreifung des Amtes durch die Preußen im Juli 1815 kommen für die Dauer von 20 Wochen preußische Ulanen ins Dorf. Für ihren Unterhalt muss die Bevölkerung erneut große materielle Opfer auf sich nehmen.
In das Klimapessimum der Kleinen Eiszeit fallen zusätzliche Extremereignisse, die die Versorgungssituation verschärfen, zum Beispiel Vulkanausbrüche 1812–1817 in Indonesien. 1815 explodierte der Vulkan Tambora. Der um den Globus ziehende gewaltige Aschenauswurf bescherte Teilen der Welt ein „Jahr ohne Sommer“. Not und Entbehrungen werden nicht geringer als uns mit dem Anschluss an das Großherzogtum Sachsen/Weimar eine neue Obrigkeit beschert wird. Die Missernte des Jahres 1816 bringt neues Elend über die Menschen und trifft besonders die Rhöner mit unerbittlicher Härte.
Das Schlimmste ist der Hunger. Getreide ist unerschwinglich teuer und gerät in die Hände gewissenloser Schieber. Der kleine Mann ist kaum noch in der Lage, sich Brot zu beschaffen, aber auch Kartoffeln sind knapp.
Getreideimporte aus Russland sollen die Not lindern helfen. Das sogenannte Ostseegetreide muss jedoch über den Wasserweg der Weser und Fulda nach Hersfeld gebracht, von dort mit Pferdefuhrwerk herangeschafft und demzufolge teuer bezahlt werden. Den Gemeinden ist es vorbehalten, oft genug auf dem Wege der Zwangsbeitreibung das vorgeschossene Geld vom Getreideschuldner wieder hereinzuholen.
Für viele ist die Bettelei ein letzter Ausweg. In Lengsfeld leben an die fünfzig Menschen ganz offen von dieser Art Broterwerb. Nicht wenige mögen es sein, die ihr Elend verschweigen. Im Amt Dermbach ist von den 5000 Einwohnern nahezu die Hälfte auf staatliche Unterstützung angewiesen. Der Ort selbst erlebt im März 1817 die erste Brotverteilung an Not leidende Familien.
Da ist es nicht schwer, sich vorzustellen, wie es bei uns im Dorf ausgesehen haben mag. Was da jemand über diese Zeit zu berichten weiß, hört sich so an : „....ein schwarzes Brot von gemahlenen Kartoffeln, Hafer und Gerste oder wenig Korn, abgesottene, kalte Kartoffeln mit Salz, geronnene Milch, ein wenig Käs oder ein wenig Kraut mit etwas Fleisch machen beinah die ganze Nahrung aus“.
Die Ernte des Jahres 1817 verschafft den Menschen eine kleine Atempause. 1818 wird jedoch zu einem neuen Notjahr, unser Dorf deshalb von seiner Grundherrschaft aber nur wenig geschont.
Trotz aller Drangsale in seiner Vergangenheit ist Gehaus inzwischen zu ansehnlicher Größe herangewachsen. 1817 zählt es 964 Einwohner. 1826 wohnen die Gehauser samt Höfen in 165 Häusern und 1840 leben in hier bereits 1266 Menschen. Das ist eine Bevölkerungsentwicklung, die deshalb überrascht, weil das Dorf außer seiner Armut sonst nicht viel anzubieten hat.
Wo liegen die Gründe dafür?
Es ist offensichtlich, dass die Boineburgs, als sie hierher kommen, für die Kultivierung und später für die Bewirtschaftung ihrer umfangreichen Ländereien Arbeitskräfte, viele Arbeitskräfte benötigen. Und da gibt es in den vergangenen Jahrhunderten nicht wenige, die auf der Flucht vor Krieg, Hunger und Not oder aus welchen Gründen auch immer im Land unterwegs sind und auf der Suche nach einer Bleibe auch hier im Dorf sich niederlassen.
Nichtsdestoweniger ist der Zuzug nicht kostenlos. Wie damals üblich lassen sich auch die Boineburgs als Grund- und Gerichtsherrn das dem fremden Zuwanderer gewährte Wohn-, Aufenthalts- und Heimatrecht sowie den diesen zugesagten Schutz durch ein sog. Einzugsgeld bezahlen. Sie profitieren auf diese Weise gleich zwei Mal von jedem Neuankömmling.
Für die Boineburgs sind die Einzugsgelder willkommene Einkünfte. Doch wie schon gesagt, ihre Weltoffenheit nimmt sogar jene Zuwanderer auf, die man anderenorts als unerwünscht gewöhnlich abzuweisen pflegt. So ist Gehaus neben Kaltenwestheim der einzige Ort weit und breit, der sich Zigeunern öffnet und wo Juden, sonst landesweit verfemt und geächtet, eine Heimstatt finden.
Der Zustrom verebbt und die Bevölkerungszahl wird rückläufig, als sich mehr und mehr herausstellt, dass das Dorf nicht genug Brot hat, um alle seine Menschen satt zu machen. Schon 1845 ist die Einwohnerzahl auf 1141, 1861 auf 1038 und 1880 gar auf 914 Seelen zurückgegangen. Das Strohdach, unter dem die Gehauser Jahrhunderte lang leben, hat wirkliche Hütten gedeckt. Es gibt damals davon um die 160 im Dorf.
Im Dorf hat sich im Laufe der Zeit ein bodenständiges Handwerk herausgebildet. 1821 befinden sich unter den Gehausern

  • 1 Bäcker
  • 3 Schuster
  • 2 Metzger
  • 2 Zimmerleute
  • 5 Schneider
  • 2 Schmiede
  • 2 Schreiner
  • 1 Wagner
  • 2 Büttner
  • 1 Glaser
  • 4 Maurer.

unter welchen, wie es in der Kirchenchronik heißt, „Johann Nordheim und sein Sohn Johann Georg so ausgezeichnet sind als wie der Schlosser Sonntag in Stadtlengsfeld“.
Daneben gibt es den praktizierenden Arzt und Chirurgen Curt Leutzsch, den Salzhändler Ludwig Schmidt sowie 17 Raschmacher (darunter ein Caspar Schwarz). Letztere sind Tuchmacher, die Tuchmacherei hat ihr Fundament im heimischen Flachsanbau und in der Schafzucht, die als Wollkämmerer, Wirker und Weber in einem 18-stündigen Arbeitstag für ihren kapitalistischen Verleger Tuche für einen Hungerlohn herstellen. Sie müssen aufgeben, als um 1850 Textilmaschinen ihre Arbeit übernehmen.
Später kommen Korbflechter hinzu. Stellmacher, Zigarrenmacher, ein Zangenschmied, ein Barbier, um 1880 in der Person des Johannes Klotzbach sogar ein Schornsteinfeger. Nicht zu vergessen die „Seilersch“, die heute noch ihren Namen für eine ehemals in ihrem Haus untergebrachte Seilerei hergeben.
Das Handwerk nahm einen solchen Aufschwung, dass z.B. 1781 die Gehauser Schuster die Schlossherrschaft baten, wegen Überfüllung der Branche keinen Schuhmacher mehr im Dorf zuzulassen.

nach oben


Die Auswanderungswelle zweiten Drittel des 19. Jh.

Einer möglichen Weiterentwicklung von Handwerk und Gewerbe steht das Dorf selbst im Wege. Einmal durch seine isolierte Lage, zum anderen durch seine Menschen, die sich neuen Entwicklungen und dem Fortschritt gegenüber nur schwer öffnen. Dennoch, warum das Dorf zurückbleibt, liegt hauptsächlich an den von feudaler Abhängigkeit geprägten gesellschaftlichen Verhältnissen, die den Gehausern nur wenig Raum zur Entfaltung lassen. Es gab ja kaum selbständige Bauern in unserem Dorf, denen der bewirtschaftete Boden gehörte – sie bestellten gepachtetes Land der Grundherrschaft.
Das ist ganz anders bei unseren Nachbarn in Oechsen oder auch den Urnshäusern, die sich zur Belebung von Handel und Wandel bereits im 18. Jh. Jahrmärkte ins Dorf holen. Dass diese jedoch besser abgeschafft werden sollten, begründet der Gemeindevorstand von Urnshausen damit, dass es sich dabei mehr um Sauf- als um Kauftage handeln würde. Was sicher auch auf die um 1850 in Lengsfeld, Vacha und Dermbach eingerichteten Viehmärkte zutreffen dürfte.
Wie überall im Eisenacher Oberland, so lösen um die Mitte des 19. Jh. wirtschaftliche Not, Erwerbslosigkeit und Überbevölkerung auch bei uns in Gehaus eine Welle der Auswanderung aus. 1845/46 vernichtet eine Kartoffelkrankheit die gesamte Ernte. Mancher verkauft Haus und Hof, verlässt alleine oder mit der ganzen Familie im Vertrauen auf das große Glück das heimatliche Dorf. Andere, die zurückbleiben, verkaufen für ihre Kinder das letzte Stück Rasch in der Truhe und die einzige Kuh im Stall. Traumland, auch für manchen Gehauser, ist Amerika, die neue Welt.
Freilich, so einfach auswandern, das gibt es trotzdem nicht. Man macht seine Geschäfte mit der Auswanderung. So müssen auch die Gehauser Wandervögel zuvor ein „Abzugsgeld“ an ihre Obrigkeit entrichten, anfangs an die Boineburgs als ihren Grundherrn, später, noch bis 1847, an den weimarschen Staat. Es ist das der Gegenwert für das „menschliche“ Kapital, das der Obrigkeit mit dem Auswanderer als Steuerzahler, als Inhaber von Vermögenswerten sowie als künftige Soldaten verloren geht. Der muss sich zudem noch durch eine Ablösesumme bzw. durch Stellung eines Ersatzmannes von der Militärpflicht freikaufen.
Was heißt aber Auswanderung? Bei der damals herrschenden Kleinstaaterei ist für uns Gehauser beispielsweise das auf Meininger Gebiet liegende Salzungen schon "Ausland" und jeder der dorthin zieht, ein potentieller Auswanderer, der der Obrigkeit Abzugsgeld schuldet.
Ab 1852 übernehmen staatlich konzessionierte Agenten das Auswanderergeschäft. Ab 1854 sind es für die Gehauser ein Simon Glückauf und ein Wilhelm Backhaus in Stadtlengsfeld, die das Genehmigungsverfahren erledigen, den Transport zum Überseehafen Bremen. Einschiffung und Überfahrt organisatorisch und finanziell vorbereiten. Manche müssen ihren Traum aufgeben, weil sie das nötige Geld nicht zusammenbringen.
In der Zeit von 1844 bis 1854 verlässt jeder zwölfte Einwohner das Dorf, darunter zahlreiche jüdische Mitbürger. Auf dem Höhepunkt der Auswanderungswelle, in den Jahren von 1852 bis 1854 liegt Gehaus mit 76 hinter Lengsfeld mit 82 Auswanderern im gesamten Eisenacher Oberland an zweiter Stelle der Auswanderungsstatistik. 1868 erlebt das Dorf noch einmal einen Auswanderungsschub, demzufolge lt. Kirchenchronik „einige hundert“ Personen das Dorf verlassen, um nach Amerika auszuwandern.

nach oben


„Allodifizierung“ und „Flurseparation“ im letzten Drittel des 19.Jh.

Die Entwicklung bringt es mit sich, dass sich im Dorf neben Boineburgschen Grundeigentum allmählich auch privater Grundbesitz herausbildet. So mögen es vor allem Landverkäufe der von Geldsorgen geplagten Boineburgs gewesen sein oder auf welche Weise auch immer, wodurch einzelbäuerliches Eigentum entsteht, das im Laufe der Zeit zur Größe ansehnlicher Bauernwirtschaften heranwächst. Durch überkommenes Erbrecht in ihrem Besitzstand immer wieder geschmälert, bleiben am Ende jene paar größeren Bauernhöfe übrig, wie wir sie aus unserer jüngeren Vergangenheit her noch kennen.
Gehaus ist deshalb niemals ein Bauerndorf gewesen, wie etwa unsere Nachbargemeinde Oechsen. Nicht die wenigen, von ihrem Besitz her angesehenen bäuerlichen Betriebe sind für unser Dorf typisch, sondern die vielen, auf kleinen Äckern wirtschaftenden landarmen Bauern und Arbeiter, Tagelöhner und kleinen Handwerker.
Dort das alte hessische Bauerndorf Oechsen mit den stolzen, Fachwerk geschmückten Häusern, seinem selbstbewussten, bodenständigen und wohlhabenden Bauernstand, hier die zwischen armseligen Wänden lebende Masse abhängiger, kleiner Leute, die sich mühsam genug vom Ertrag ihrer kleinen Äcker ernähren.
Wie sind sie überhaupt zu ihrem bescheidenen Grundbesitz gekommen?
Da ist einmal die so genannte Allodifizierung der Rittergüter, derzufolge die Weimarer Regierung 1851 durch Ablösung die Umwandlung des lehnbaren Besitzes, also der Pachtländereien, in privates Grundeigentum verfügt.
Die Ablösung des zum Unterschloss gehörenden Pachtlandes wird 1870 in Vorbereitung der Gründstückszusammenlegung („Separation“) in Gang gesetzt, die letzte Ratenzahlung zur Tilgung des Ablösungskapitals für das Jahr 1892 vereinbart. Achtundvierzig Gehauser Familien werden auf diese Weise erstmals kleine Grundeigentümer oder in die Lage versetzt, ihren Besitzstand zu erweitern. Der die Ablösung sowie die Kostenrechnung betreffende Rezess wird als Dokument im Archiv des Rates der Gemeinde aufbewahrt.
1911 geht im Zug der Ablösung ein Teil des Kirchenbesitzes in private Hände über. Kalikumpel unseres Dorfes sind es, die ihr in den Schächten und Fabriken des Reviers verdientes Geld in den Kauf von Grund und Boden stecken. Die Revolution von 1918 schließlich bringt es mit sich, dass Boineburgsches Grundeigentum in Privateigentum übergeht. Die Boineburgs werden dadurch nicht ärmer. Noch bis in die 20er Jahre hinein gehört ihnen mit rund 250 ha nahezu die Hälfte der gesamten Gehauser Feldflur.
Die Landwirtschaft unseres Dorfes mag rein technisch von anderen Rhöndörfern nicht wesentlich verschieden gewesen sein. Die überkommene, wenig produktive Bewirtschaftungsform ist die so genannte Dreifelderwirtschaft, bei der sich Winterung, Sommerung und Brache einander ablösen. Nur langsam setzen sich mit dem Fruchtwechsel und der Besommerung der Brache (mit Rüben, Kraut und Kartoffeln) fortgeschrittene Anbaumethoden durch.
Dass die Landwirtschaft anderer Dörfer mit freien Bauen auch uneffektiv produziert und zu wenig hervorbringt, hat aber noch andere Ursachen. Da ist einmal die unglaubliche Zerstückelung der Feldflur. Begünstigt durch das alte fränkische Erbrecht, wonach jedes Kind auf jedem Stück Feld zu gleichen Teilen miterbt, ist im Laufe der Zeit eine kaum mehr zu übersehende Vielzahl von Parzellen entstanden.
1870 gibt es in unserer Nachbargemeinde Oechsen mit ihren 340 Besitzkontis (landwirtschaftliches Besitztum unterschiedlichster Größe) 7006, in Wiesenthal mit 230 Besitzkontis sage und schreibe sogar 13.197 solcher nicht zu Unrecht als „Handtuchfelder“ bezeichneten Parzellen. Parzellen dieser Art, wenn zahlenmäßig sicher auch weit weniger, gibt es damals auch in unserer Flur. Mündlicher Überlieferung nach soll dabei manchmal das Grabescheit den Pflug ersetzt haben.
Ein weiteres Übel kommt dazu. Man muss bedenken, dass es damals nur wenige, kaum befestigte Feldwege bei uns gibt und bei der Gemengelage der Felder nicht alle Parzellen direkt vom Weg her, sondern vielfach nur über Nachbargrundstücke zugänglich sind. Das Recht, diese Grundstücke zu befahren, ist notwendigerweise auf die Dauer der Bestell-, Pflege- und Erntetermine eingeschränkt, die der Schultheiß festlegt und außerhalb derer für den betreffenden Parzellenbesitzer die Flur „geschlossen“ ist. Zu allem Übel kommt noch der "Flurzwang" hinzu, demzufolge vorgeschrieben ist, welche Fruchtart in den einzelnen Flurteilen angebaut werden darf.
Bei einer derartig unrationellen Bewirtschaftungsweise und den geringen Ernteerträgen damals nimmt es nicht wunder, dass unter dem Strich nicht viel übrig bleibt. Zu wenig auf jeden Fall, um die Boineburgs zu befriedigen, die eigene Familie zu ernähren und sich den Gerichtsvollzieher von Hals zu halten. Manch einer gibt damals auf und lässt das Land, das nichts mehr wert ist, einfach liegen. Nach „Rollberg“ soll es in Wiesenthal zu Zwangsvollstreckungen gekommen sein, bei denen Grundbesitz zum Preis von 5 bis 10 Pfennigen unter den Hammer gekommen ist.
Die Grundstückszusammenlegung, als „Flurseparation“ bezeichnet, ist unter diesen Verhältnissen und trotz der damit verbundenen Kosten (Vermessung, Wege- u. Brückenbau und anderes mehr) auch für Gehaus unumgänglich. Diese erste „Flurneugestaltung“, wenn man so will, wird in der Amtszeit des Bürgermeisters Martin Nordheim unter Leitung eines staatlichen Kommissionärs in Angriff genommen und um 1880 zum Abschluss gebracht. Im Dorf rumort es, als man wissen will, dass es in der Bodenkommission bei der Zusammenlegung von guten und günstig gelegenen Böden nicht mit rechten Dingen zugegangen sein soll.
Dennoch erweist sich die Feldseparation als Fortschritt in unserer Landwirtschaft. Die damals geschaffene Flurordnung mit ihrem Wegenetz, den Brücken und Gräben (wenn leider auch nicht mehr mit der Vielfalt in ihr vorhandener Bäume, Hecken und Sträucher) besteht so bis in unsere Tage hinein. Die alten, damals festgelegten Grundstücksgrenzen jedoch sind inzwischen der auf Großflächen produzierenden Agrargenossenschaft gewichen. Diesem Hang zum Rationalisierung sind leider auch viele Wege, Hecken, Buschwerk und Bäume zum Opfer gefallen.
Dass die Feldwege links der Stadtlengsfelder Strasse heute senkrecht gegen den Berg und nicht wie damals schräg dazu verlaufen (wegen des leichteren Feldtransportes für das Vieh), also etwa parallel zum Schlägelbacher Weg, hat damit zu tun, dass mit der Separation verständlicherweise geradlinig abgegrenzte Feldstücke geschaffen werden.
Mit der allmählichen Abkehr von der Dreifelderwirtschaft im 19. Jh. und dem Übergang zur Fruchtwechselwirtschaft erhält unsere Feldflur Zug um Zug ihr neues Gesicht. Hopfen, Lein und schließlich auch die Brache als eine bislang unentbehrliche Futterquelle verschwinden daraus. Neben Hackfrüchten erobern sich der Klee und andere Futterpflanzen ihren Platz. Das kommt dem Vieh zugute, für das die Boineburgs den Zugang zu Wald- und sonstigen Futterweiden (Hüten, Lehden usf.) den Viehhaltern nicht gerade erleichtern.
1872 kaufen sich die Boineburgs in die in Walddistrikten von Weilar und Lengsfeld der Gemeinde Gehaus zustehende Triftrechte ein und bringen dabei einseitig, folgende in Stück Vieh festgelegte Triftanteile an sich:

  • Unterschloss: 308 Stück alte Schafe und 76 Stück Lämmer
  • Oberschloss: 450 Stück alte Schafe und 120 Stuck Lämmer
  • Gemeinde Gehaus: 25 Stück altes Rindvieh und 25 Stück Jungrinder

Der Rezess hierüber ist als Dokument ebenfalls beim Rat der Gemeinde aufbewahrt.
Kennzeichnend für die schlimme Lage unserer Bauern in dieser Zeit, wie überall in der armen Rhön, ist das Ausmaß der Verschuldung , durch die sie, insbesondere bei Kauf und Verkauf von Vieh, oft genug in die Abhängigkeit von Wucherern, Handelsjuden und gewissenlosen Schiebern geraten. Das Wort von den "Halsabschneidern" macht damals seine Runde.
Da ist es eine große Hilfe, als es dank des unermüdlichen Wirkens des Frankenheimer Pfarrers Wuttig am 17. Nov. 1887 zur Gründung des Raiffeisen-Verbandes Thüringen in Dermbach und schließlich wenig später auch zur Gründung unserer örtlichen Raiffeisen-Kasse kommt. Wenn sie als Selbsthilfeeinrichtung vielen Menschen unseres Dorfes aus der Not geholfen hat, so verdanken sie es auch jenen paar Gehausern, die durch ihre Einlagen an diesem Werk mitgebaut haben.
Endlich ist man auch mit der Viehwirtschaft im Dorf ein Stück vorangekommen, was sich in folgenden Zahlen über die Entwicklung der Tierhaltung widerspiegelt:

Jahr Pferde Rindvieh Schafe Schweine Ziegen
1879 32 336 778 93 126
1909 27 431 202 256 136
1910 29 389 158 317 145
1916 23 388 166 262 168

Auffallend dabei, der deutliche Rückgang in der Schafhaltung zugunsten der Rinder- und Schweinehaltung, was offenbar daran liegt, dass Boineburgscher Grund und Boden durch Verkauf zunehmend in einzelbäuerlichen Besitz übergeht. Der Schweinebestand von 1879 lässt vermuten, dass von den damals 900 Einwohnern unseres Dorfes die meisten noch ohne das begehrte Stück Schweinefleisch auskommen müssen. Schließlich verrät uns der Stand der Ziegenhaltung, dass wir es in unserem Dorf in der Tat mit jenen vielen kleinen Leuten zu tun haben, deren Existenz gar nicht zu Unrecht und oft genug an der Ziege als der "Ersatzkuh" hängt.
Bei allem darf man nicht übersehen, dass unsere Landwirtschaft seit eh und je unter ungünstigen Bedingungen produzieren muss. Die Höhenlage unseres Dorfes (450 m - 650 m über NN), sein raues Vorgebirgsklima mit seinen relativ kurzen Vegetationszeiten, die geringe Bodenbonität (Bodenwertzahl durchschnittlich 27), der große Höhenunterschied in der Gemarkung sowie der von der Entfernung her aufwendige Feldtransport (mittlere Wegeentfernung 1,5 km) setzen ihrer Produktivität von vorneherein natürliche Grenzen.
1826 gehört zum Dorf nach Knips's Amtsgeschichte eine landwirtschaftliche Nutzfläche von 2400 Acker (1 Acker = 0,28 ha), wovon zwei Drittel als Acker und ein Drittel als Wiesenland genutzt werden. Von „Kronberg“ wissen wir, dass diese Größenverhältnisse mit 418 ha Acker- und 197 ha Grünland auch 1879 noch in etwa weiter bestehen.
Der Rückgang der Nutzfläche auf heute ca. 570 ha hat damit zu tun, dass um die Jahrhundertwende und früher mit der Aufforstung der ursprünglich als Hüten, Öd- und Unland genutzten Waldreviere der Neuendorf, des Baiersrod, der Kuhhalle und Teilen des Schlägelbaches Land zugunsten der dort angelegten Fichtenbestände verloren geht.
Einen Einschnitt auch bei uns in Gehaus in die Entwicklung der Landwirtschaft bringen um die Jahrhundertwende die Einführung des Kunstdüngers sowie der neuen landwirtschaftlichen Maschinen mit sich. So unverzichtbar die Dampfdreschmaschine, die Sä- und Mähmaschine, der Kultivator, die Schrotmühle, ja selbst die Zentrifuge für den weiteren technischen Fortschritt in der Landwirtschaft auch sind, so bewirken sie doch auch, dass in unserem Dorf neue gesellschaftliche Abhängigkeiten entstehen.
Bislang gibt es diese Abhängigkeiten lediglich dort, wo unsere Gehauser Kleinbauern, Arbeiter und kleinen Handwerker mangels eigenen Gespannviehs bei Feldarbeiten, der Brennholzabfuhr, dem Jauchetransport und anderem auf die zumeist kostspielige Hilfe der Gespannbauern angewiesen sind. Jetzt kommt die Technik dazu, die die Arbeit um vieles leichter macht, deren Anschaffung jedoch für den bäuerlichen Kleinst- und Kleinbetrieb viel zu teuer und deshalb von vorneherein indiskutabel ist.
Will man sie trotzdem nutzen, muss man diese, zumeist mit dem dazugehörigen Gespannhaltern, ausleihen. Das bringt im Dorf bei der Vielzahl der Betroffenen zusätzliche Abhängigkeitsverhältnisse hervor, bei welchen als Gegenleistung die Arbeitskraft der kleinen Leute oft genug ebenso ausgenutzt wird, wie man sich selbst und die eigene Familie dabei nicht schont.
Das bäuerliche Leben in Gehaus blieb nun bis zur Gründung der DDR im Wesentlichen unverändert. Danach war nichts mehr so, wie es war - im Guten wie im Schlechten!

Aber das ist ein anderes Kapitel und Gott sei Dank schon nicht mehr aktuell.

nach oben