

Als Besitzlose, die sie anfangs sind, bleibt unseren Gehausern kein anderer Ausweg, als sich in die Abhängigkeit der Boineburgs zu begeben, denen rundherum alles Land gehört. Als Tagelöhner und bessere Leibeigene, von denen es durch ständige Zuwanderung allmählich viel zu viele im Dorf gibt, sind sie für die Grafen billige Arbeitskräfte, die sie redlich ausnutzen, die aber nur wenig für sie tun können, um ihr armseliges Leben zu verbessern. So begleiten Armut, Not und soziales Elend die Gehauser über eine lange Wegstrecke ihrer Geschichte.
Es zeigt sich, dass das Dorf mit zunehmendem Wachstum immer weniger in der Lage ist, alle seine Menschen zu ernähren und für sie bezahlte Beschäftigung zu beschaffen. Auf der Suche nach Arbeit und Brot verlassen viele das Dorf, um als Wanderarbeiter irgendwo im Lande ein Unterkommen zu finden. Die Auswahl ist zu dieser Zeit nicht groß, man muss sie jede Arbeit annehmen, die sich bietet. Mancher hat Glück und findet beim Festungsbau eine Beschäftigung. Mit dürftigem Lohn in der Tasche kehren sie ins Dorf zurück, wenn sie es nicht vorziehen, in der Fremde zu bleiben.
Ihr Weggenosse auf den Straßen ist jener Gehauser „Weltbürger“, der bettelnd und vagabundierend im Land umherzieht und sich als „Gehauser Klöpfer“ einen Namen macht. Er kehrt ebenfalls dem Dorf den Rücken, hat es aber gelernt, dass die Bettelei, als Broterwerb betrieben, auch ein Weg ist, sich durchs Leben zu schlagen. In seiner Lage ist er vermutlich auch Sympathisant des „Krummfinger Balthasar“, Boss einer Räuberbande, dem wir auf der Seite „Schwartzer Frieder“ begegnen können.
Die Berichteschreiber jener Zeit gehen dabei wenig zimperlich mit uns Gehausern um. Da heißt es:
Und an anderer Stelle ist vermerkt:
Wenn alles stimmt, was da berichtet wird, sind unsere Gehauser Vagabunden und Kosmopoliten in der Tat kleinere oder größere Ganoven. So erweisen sich manche als versierte Urkundenfälscher, die es verstehen, sich selbst gefertigter, aus Ton bestehender Amtssiegel zu bedienen. Andere sind Münzfälscher, die es fertig bringen, aus billigem Kupfergeld mit Hilfe von Quecksilber und Scheidewasser Silbermünzen zu fabrizieren.
Wie es heißt, bringen sie von diesen Geschäften bei ihrer Heimkehr im Herbst, mit 40, 50 und mehr Gulden in der Tasche oft sehr viel Geld mit nach Hause. Grund genug für andere, sich ebenfalls dieses lukrativen Gewerbes anzunehmen.
In unserem Dorf, wo das Klöpferwesen besonders stark ausgeprägt ist, soll es Vertreter dieses „Berufsstandes“ gegeben haben, die sich auf diese Weise ein kleines Vermögen zusammenergaunert haben.
1831 werden alleine in Gehaus und den dazugehörigen Höfen 136 Personen als Heimatlose, Vagabunden und Herumtreiber gezählt. Einweisung in Arbeitshäuser, verschärfte Strafbestimmungen im Zusammenhang mit den 1832 erlassenen Vagabunden- und Passgesetzen bewirken, dass sich, wie es heißt, „namentlich in Gehaus die Zahl der Klöpfer bis zum Jahr 1840 auf die Hälfte verringert und viele mehr und mehr sich an Arbeit und redlichen Erwerb gewöhnen“. Nichtsdestoweniger werden zwischen 1840 und 1844 im Amtsbereich Stadtlengsfeld noch immer über 100 Delinquenten wegen Vagabundierens bestraft.
Die neue Vagabunden-Verordnung von 1850, speziell für die Gerichte in Stadtlengsfeld und Vacha erlassen, die alle diejenigen mit Strafe bedroht, die für das vergangene Jahr kein Arbeitszeugnis beibringen und alle jenen die Reisebescheinigung verweigert, die keinen erlaubten Reisezweck nachweisen können, bringt weitere Erfolge mit sich. Auch für unser Dorf. 1854 gibt es da unter den vielen Vagabunden, die in der Wollkämmerei und -spinnerei der Firma Eichel in Stadtlengsfeld arbeiten, eine ganze Reihe dieser ehemaligen Zunftbrüder auch aus Gehaus.
Freilich, die Experten der „Zunft“ betreiben ihr Handwerk weiter. Ihre Umsicht wächst mit der Schärfe der gesetzlichen Maßregeln. Trotz Verbotes sind Gehauser Klöpfer noch Jahrzehnte lang auf Betteltour unterwegs, handeln sich dabei Haftstrafen ein und stehen wegen Landstreicherei, Obdachlosigkeit und Herumtreibens vor dem Richter, ebenso in Vacha, Eisenach und Meiningen wie auch in Hamburg, Frankfurt, Lübeck und anderswo.
Sie sind noch immer vagabundierend auf den Straßen unterwegs, denn für viele unserer Nachbarn sind wir bis heute die Gehauser Klöpfer geblieben.
Recht hat damals mit den Armen nur wenig im Sinn. Es schützt den Reichen und Besitzenden wie es den Besitzlosen drückt. Um mit dem Gesetz in Konflikt zu kommen, genügt es schon, aus Boineburg’schen Forsten Waldstreu oder Leseholz zu entnehmen. Da es an Brennholz mangelt und die Rhönwinter hart sind, gibt es nicht wenige Gehauser, oft genug sind es Frauen und Mütter, die es für ihre Familien immer wieder auf sich nehmen, beim Holz- und Streusammeln ertappt und vor den Richter zitiert zu werden.
So zählen denn auch diese Art Wald- und Holzdiebstähle, und nicht nur diese, zu den auffälligen Gesetzesverletzungen unter einer Obrigkeit, die selbst Mundraub unter Strafe stellt.
Alle diese Delikte, von kleinen Leuten begangen, auch wenn sie gegen Recht und Ordnung verstoßen, werfen doch ein bezeichnendes Licht auf die bedrückende soziale Lage vieler Gehauser Familien in dieser Zeit.
Ein unmittelbarer Vorbote der Märzrevolution im damaligen Zentraleuropa war das Krisenjahr 1847, dem eine schwere Missernte 1846 vorausging. 1845/46 vernichtet eine Kartoffelkrankheit fast die gesamte Ernte dieses Hauptnahrungsmittels. Die Missernten der vergangenen Jahre haben zudem die Verschuldung der Landbevölkerung in bedrohlicher Weise anwachsen lassen. In der Bauernschaft gärt es, als der Staat daran geht, zur Abdeckung von Steuerschulden das Vieh aus den Ställen zu holen. In den deutschen Staaten hatte all dies eine allgemeine Verteuerung der Lebensmittel zur Folge, es kam zu Hungersnöten und Hungerrevolten in fast allen deutschen Staaten und Regionen. Es bedurfte nur noch eines Anstoßes, dass Erbitterung, Missmut und Unzufriedenheit in Gewalt umschlagen. Viele auch ärmere, von vorindustrieller Massenarmut betroffene Bevölkerungsschichten wie Arbeiter, verarmte Handwerker, Landarbeiter usw. schlossen sich bedingt durch ihre soziale Not daraufhin zunehmend den Forderungen demokratisch und liberal gesinnter Kreise an.
Die bürgerlich-demokratischen und nationalen Erhebungen erfassten weite Teilen Mitteleuropas. Bereits im Januar 1848 hatten sich italienische Revolutionäre gegen die Herrschaft der österreichischen Habsburger im Norden der Apenninen-Halbinsel und der spanischen Bourbonen im Süden erhoben. Nach Beginn der französischen Februarrevolution wurden auch die deutschen Länder Teil dieser Erhebungen gegen die herrschenden Mächte der Restauration.
Unsere Region bleibt davon nicht unberührt. Es sind vor allem die kleinen Leute, die Erwerbslosen und Landarbeiter, kleine Handwerker, Gewerbetreibende und Händler, landarme Bauern und landlose Arbeiter und Tagelöhner, die mit den Aufständischen sympathisieren und sich durch die Erhebung eine Verbesserung ihrer tristen sozialen Lage erhoffen.
Die Unruhen brechen aus, als die Weimarer Regierung mit dem Aufruhrgesetz, und Aufruhr ist gleichbedeutend mit der Zusammenrottung von mehr als 15 Personen, militärische Gewalt androht.
In Salzungen geht am 10. März eine erregte Volksmasse auf die Strasse und fordert durch ihre Sprecher Arbeit und Brot, Steuernachlass, Senkung der Salzsteuer und Holzpreise, Verminderung der Feudallasten, bessere Schulbildung u. a. m. Es kommt zu gewaltsamen Ausschreitungen. In Lengsfeld und Weilar geht Militär gegen revoltierende Fabrikarbeiter vor.
Um der drohenden Umsturzgefahr zu begegnen, lässt die Staatsregierung in Weimar als örtliche Selbstschutzorganisationen s. g. „Bürgerwehren“ gegen die „Unruhestifter“ einsetzen. Dass es eine derartige „Schutzgarde“ auch bei uns gegeben hat, erfahren wir aus der Kirchenchronik, demzufolge der Gemeinderat 1849 im nachhinein beschließt, die 1848 zur Bewaffnung der Bürgerwehr angeschafften Lanzen aus dem Gemeindesäckel zu bezahlen.
Wie ernst die Behörden die allgemeine Lage einschätzen, entnehmen wir einem Bericht der für uns zuständigen Bezirksdirektion Dermbach vom 15. März 1848. Darin beschwört der Bezirksdirektor Henschel die Weimarer Regierung dringend, u. a. folgenden Forderungen der Aufständischen nachzugeben:
In welcher Weise sich die Gehauser der revolutionären Erhebung anschließen, darüber erfahren wir Näheres aus dem Bericht des Boineburgschen Rentmeisters Dr. Goßlar an seinen gräflichen Dienstherrn.
Danach zieht eine große Menschenmenge, von Lengsfeld kommend, unter Führung der Vorstände von Lengsfeld, Weilar und Gehaus vor das Weilarische Schloss und lässt dort dem Schlossherrn eine Petition u. a. mit folgenden Forderungen überreichen:
Er wird gezwungen, gleichzeitig für seinen Gehauser Vetter, die Unterschrift dafür herzugeben.
Mit ihren Forderungen offenbar noch nicht zufrieden, sind es tags darauf neue Deputationen von Lengsfeld, Weilar und Gehaus, die nunmehr auch „die Abschaffung aller herrschaftlichen Privilegien, die Niederschlagung der lehnsherrlichen Schulden sowie die Herabsetzung des Holzpreises auf den Stand vor 20 Jahren verlangen. Die Boineburgs sollen überhaupt nicht mehr behalten als ihren Namen und ihre Güter“. Im Bericht heißt es dann weiter: „... man wird demnächst den Herren in Gehaus alle diese Forderungen zur Genehmigung und Unterzeichnung vorlegen und weiß Gott, mit welchen Gräueln der Verwüstung drohen, wenn sie das nicht tun wollten“.
Die 48er Revolution wird mit Waffengewalt niedergeschlagen. Wieder einmal ist für den kleinen Mann der Versuch gescheitert, im Kampf gegen die Obrigkeit sich aus den Fesseln sozialer und wirtschaftlicher Unfreiheit gewaltsam zu befreien.
Unser Dorf wird noch einmal mit den Ereignissen konfrontiert, als 1849 preußische Soldaten auf ihrem Marsch zur Niederwerfung des badischen Aufstandes durch unser Gebiet marschieren und bei ihrer Rückkehr 1850 kurze Zeit im Dorf sich einquartieren.
Nichts hat sich geändert. Auch bei uns in Gehaus ist alles beim Alten geblieben.
Alltag in der 2. Hälfte des 19. Jh.
So tritt das Dorf in die 2. Hälfte des 19. Jh. ein. Nach wie vor ein armes Dorf, geprägt von jener Schicht kleiner Leute, die sich mühsam genug als Tagelöhner, Magd und Knecht, als landarmer Bauer und landloser Arbeiter, als Viehtreiber, Holzfäller und Wollkämmerer, als Korbmacher, Schafknecht und Steinklopfer, als Besenbinder und Knochensammler oder wie auch immer mühsam genug durchs Leben schlagen.
Wie und auf welche Weise erfahren wir aus dem Bericht eines Fritz Rollberg über diese Zeit, der uneingeschränkt auch für unser Dorf von damals zutreffend sein dürfte.
Was die Wohnverhältnisse angeht, so ist die Behausung ein kleines, primitives, mit Schindeln bedecktes Bauwerk, in welchem die meist kinderreiche Familie, oft noch Großeltern und unverheiratete Verwandte in drangvoll fürchterlicher Enge zusammenleben.
Bei uns in Gehaus sind es jene armseligen Katen mit der einen und einzigen Stube, der winzigen Kammer daneben, dem rußgeschwärzten, oft fensterlosen „Küchenloch“ sowie der kleinen Bodenkammer mit dem nackten Dach als Decke. Eine Heimstatt von Menschen, in der diese mehr hausen als wohnen .
Wie anders war es da bei unseren Nachbarn in Oechsen: Dort das reiche hessische Bauerndorf mit den stattlichen, mit Fachwerk geschmückten Häusern, Wohnsitz eines Jahrhunderte alten, bodenständigen, wohlhabenden und selbstbewussten Bauernstandes, hier vor allem in elenden Hütten lebende, besitzlose, von der Dorfherrschaft abhängige Tagelöhner.
Schlimm ergeht es den Menschen im Winter. Das Holz aus gräflichen Forsten ist teuer und deshalb nicht ausreichend vorhanden. In vielen Häusern gibt es nur einen einzigen Raum, der heizbar ist. Und dieser ist neben Wohn- und Schlafstube zugleich Werkstatt, Asyl für Jungvieh und kranke Tiere. Trockenboden zum Aufhängen der nassen Kleidung und notfalls auch Leichenstube .
Überall in den engen Räumen schwelt die Öl- und Petroleumslampe, atmet man stickigen Ofenrauch, unterlässt es aber der Wärme wegen die Fenster zu öffnen.
Nur wenige Menschen haben ein Bett für sich alleine. In manchen Fällen teilen sich drei und mehr in die primitive, aus rohen Brettern zusammen gezimmerte Lagerstätte, mit der dicken Strohunterlage und dem schweren Federbett, dessen Leinenbezug nur selten gewaschen wird.
Einrichtungen zur Verrichtung der Notdurft sind damals noch Luxus, Erdgruben sind selten, gemauerte fast gar nicht vorhanden. Man zieht sich diskret in den Stall oder auf den Mist im Hof zurück.
Der Küchenzettel ist einfach. Wo Mehl-, Graupen-, Hirse- und Kohlrübensuppe, Kraut, der Topf Ziegenmilch und das Stück Handkäse nicht hinreichen, machen Kartoffeln und Salz (oft fehlt auch dieses) die dürftige Mahlzeit aus. Davon gibt es in armen Haushalten nur zwei am Tag und nur 3 bis 6 Pf. lässt der Haushaltsplan an Ausgaben für Fett und Schmalz je Mahlzeit zu. Fleisch kommt selten auf den Tisch, wenn ja, ist es wirklich ein Festtagsessen. Das Gefühl, satt zu sein, kennt man wohl nur selten.
Der Rhöner ist vorzugsweise Vegetarier, aber nicht aus freier Wahl. Die Kartoffel und Milch ist Hauptnahrung. Solange es „Ka’touffel“ gibt leidet der Bauer keine Not. Am Morgen sind gesottene Kartoffeln die Zuspeise zur „Breh“, am Mittag bilden sie als Klöße die Hauptmahlzeit und abends gibt es nichts Pikanteres als gestoßene „Zammete“ zur kalten Milch. Kartoffeldaitscher und gebackene Klöße sind schon seltene Speisen für bessere Leute, sie werden in Leinöl gebacken, das sie selbst gewinnen. Die zweite Hauptnahrung ist das Kraut (Kruht), aber meist ohne die dazugehörigen Saupfote, ohne Schinken und Fleisch. Butter oder Bucheöl muss Fleisch ersetzen. „Flaisch und Wuorscht“ kommen nur selten, in wohlhabenden Häusern auch nur wöchentlich einmal auf den Tisch. Einen eigentümlichen Namen hat man auch für den Schwartenmagen er wurde „Schwoartegounder“ genannt. Als Backwerk kommen Kräppel oder Koche, Ploaz in allen Abarten als Brot-, Zwiebel-, Speck- oder Käseploaz auf den Tisch. Es gibt auch noch Isekoche oder Daitscher. Sie kommen meist nach einer einfachen Vorspeise auf den Tisch und können mit Hutzeln zu einer vollständigen guten Mahlzeit werden. Der Kaffee als Frühstück hat sich in den Jahren allgemein eingebürgert. In den besseren Häusern ist er selbst nachmittags gebräuchlich. Die ärmeren Leute begnügen sich mit Runkelrübenkaffee. Kommt Besuch ins Haus, so steht die harte geräucherte Rhönwurst, ziemlich fett und scharf auf dem Tisch, zugleich mit dem „Kaännche“ Schnaps. Das ist das Nationalgetränk des Rhöners, das ihm zugleich den üblen Ruf eines „Schnapssüffers“ eingebracht hat.
Eine Vorliebe gehört dem Branntewein. Fünf bis sechs Kännchen trinkt ein Bursche in der Schänke leicht, kostet das Kännchen doch nur zwei Kreuzer und das Seidel Bier vier Kreuzer. Die Männer im Wirtshaus begehrten übrigens nie einen Schnaps sondern nur „a hall Kännje“, oder „a Wörfje“, oder „n Kuorze“. Den Rhöner Müttern wird sogar die barbarische Sitte nachgeredet, sie tauchten sogar den Schnuller mit dem sie ihre Kinder beschwichtigten, in dieses Nationalgetränk. Auch sagt man den Wöchnerinnen nach, sie hätten stets die Schnapsflasche neben dem Fenster stehen. In alter Zeit haben die Wöchnerinnen nicht Schnaps, sondern Wein für das Wochenbett eingelegt. Wer einmal einen kalten Winter oder einen heißen Sommer in der Rhön durchgemacht hat, der wird bald die Wirkung eines guten Schlückchens an sich selbst erfahren haben.
Wie vielerorts werden auch bei uns in Gehaus Schnaps gebrannt, Bier gebraut und deren Ausschank betrieben. Herstellung und Verkauf sind seit alters her als s. g. „Gerechtigkeiten oder Gerechtsame“ grundherrliche Rechte, die seine Inhaber selbst wahrnehmen oder aber gegen Lehnsgeld an andere „verleihen“. Der so gewonnene köstliche Tropfen kam dann auf den Tisch, wenn es etwas zu feiern gab. Dazu wurde noch ein witziger Spruch zum Besten gegeben, der wie folgt lautet:
Dieser feierlichen Verkündigung folgte natürlich sofort die Vollstreckung des Urteils. Bei all dieser Armut können wir sehen, daß es auch noch fröhliche Stunden bei den Rhönbewohnern gab.
Mit dem Privileg des Schnapsbrennens ausgestattet, machen auch die Boineburgs ihre Geschäfte. Die Brennerei im Unterschloss (jetzt Haus Göcking, mit dem dort ehemals untergebrachten Brennofen noch manchem Gehauser bekannt) sowie jene zweite, im Steineren Hof vermutlich einmal vorhandene Brennerei dürften auf diese Weise lukrative Einnahmequellen für sie gewesen sein.
Andererseits ist der Schnaps damals ein echtes soziales Problem. Schon 1802 weiß man zu berichten, dass die Rhöner „immer einen starken Teil davon vertragen können“. Wenn wir Rollberg glauben, so liegt das Fass mit dem besagten Inhalt im Schlafzimmer auf einem Stuhl direkt neben dem Bett. Viele Leute kaufen das Elixier fassweise auf Kredit. Und so seine Meinung deshalb auch, „dass die Kost täglich um 10 bis 15 Pfennige hätte besser sein können, wenn der Branntweinteufel die Menschen nicht so fest gepackt hätte“.
Der aber ist auch in Gehaus zuhause. Die Kirchenchronik überliefert uns hierzu den wörtlich zitierten Ausspruch eines jenes Schnapsbruders, der freimütig bekennt, als er einen mit einem großen Fass beladenen Wagen durch die Untergasse fahren sieht: „Zweimal dieses Fass mit Branntwein habe ich in meinem Leben leer gemacht!“.
Der Branntwein, wer weiß, vielleicht für manchen auch nur ein letzter Ausweg, um einem elenden und freudlosen Alltag für kurze Zeit den Rücken zu drehen.
Auch für manchen Gehauser mag es wie ein Geschenk gewesen sein, als rundherum der Straßenbau in Gang kommt und sich dort für ihn der lang erhoffte Arbeitsplatz findet. 1824 wird der Bau der „Oberländer Strasse“ (heute Felda-Strasse mit ihren zum Werra- und Ulstertal führenden Verbindungsstrecken in Angriff genommen und in den folgenden Jahrzehnten der Grundstein für das uns heute bekannte Straßennetz gelegt (1844 - Reichenhausen/Frankenheim, 1847 - Zella/Tann).
Bei allem Wandel der Verhältnisse, Gehaus bleibt das arme und rückständige Dorf. Die für die Dorfarmut ehemals bewilligten Bettelumzüge werden 1852 abgeschafft. Eine Armenkasse gibt es noch 1884 und wird für einen Jahreslohn von 6,- Mark von einem Christian Meiß verwaltet.
Arbeit und Beschäftigung gibt es im Dorf, wie wir wissen, seit eh und je zu wenig. Die Kalkbrennerei, vielleicht schon im 18. Jh. im heutigen Flurteil „Am Kalkofen“ betrieben, mag einigen wenigen Gehausern zur Arbeit verholfen haben.
Einige andere finden Beschäftigung in der um die Jahrhundertwende in der Ziegelhütte betriebenen Ziegelbrennerei, die sich aus den vor ihrer Haustür gelegenen Lehm- und Tonlöchern mit Material versorgt und die Mauerziegeln fürs Dorf liefert.
Ein paar weitere schließlich arbeiten später in den kleinen Baugeschäften Schanz und Heinrich Jakob, die sich beide in die wenigen damals vom Dorf vergebenen Bauaufträge teilen.
Ein tief greifender Wandel für das Dorf kündigt sich mit der beginnenden Industrialisierung an, in deren Verlauf überall im Lande neue Fabriken entstehen (finanziert aus der von Frankreich zu zahlenden milliardenteuren Kriegsentschädigung) und mit ihnen endlich auch neue Arbeitsplätze für unsere Gehauser Arbeitslosen.
Die Entwicklung bringt bei uns den „Westfalengänger“ hervor. Das sind Männer aus unserem Dorf, die in Westfalen beim Aufbau von Industrieanlagen und Wohnsiedlungen vorwiegend als Maurer und Bauhilfsarbeiter tätig sind. Als Saisonarbeiter machen sie sich in jedem Frühjahr auf den Weg, versorgen von ihrem Arbeitsplatz aus die Familie daheim und wissen genau, wenn sie im späten Herbst nachhause zurückkommen, ist diese um ein Mitglied größer geworden.
Sie sind nicht die einzigen aus unserem Dorf, die in Westfalen unterwegs sind. Jedes Jahr zur Kirmeszeit machen sich die „Kässjes“ Musiker unserer illustren Musikantenfamilie, auf die Socken, um dort auf den zahlreichen Volksfesten und sonstigen Veranstaltungen zum Tanz aufzuspielen. Sie tragen so den Namen unseres Dorfes ein Stück in die Welt hinaus. Einer von ihnen, so die Kirchenchronik, ist ein Kaspar Baumbach, der sich bereits 1852 in diesem Milieu als Musikus empfiehlt.
Jetzt gibt es auch Arbeitsplätze zuhause. Mit dem sich entwickelnden Kalibergbau um die Jahrhundertwende tauschen viele Westfalengänger ihre Arbeitsstelle mit einem Arbeitsplatz beim Bau der Schächte und Werksanlagen in Kaiseroda und Dietlas. Sowie später mit einer Tätigkeit im Kalibergbau selbst, in dessen Schächten und Fabriken jetzt immer mehr Gehauser ihren Lebensunterhalt verdienen. Ihnen, unseren Kalikumpeln wollen wir in unserer Chronik ein besonderes Kapitel widmen.
Bereits 1890 hat das Porzellanwerk in Stadtlengsfeld, langjähriger Arbeitgeber für so manchen Gehauser, seine Pforten geöffnet. In den Anfangsjahren muss das Werk mit tief greifenden wirtschaftlichen Problemen fertig werden. Trotz permanenten Wechsels an der Spitze gerät der exportabhängige Betrieb 1895 und noch einmal 1905 in Konkurs, bevor es zur Umbildung in eine Aktiengesellschaft kommt. Sein wechselvolles Schicksal noch bis in die 30er Jahre hinein bekommen auch die Gehauser Porzelliner zu spüren, für die es damals wie für die vielen anderen Arbeiter gewerkschaftlichen Schutz noch nicht gibt.
Nach fast 100-jähriger Partnerschaft mit diesem Werk sind es heute noch nahezu 50 Gehauser, die in dem nach 1945 neu aufgebauten und modern ausgerüsteten volkseigenen Betrieb ihren Lebensunterhalt für sich und ihre Familien verdienen.
1910 nimmt das Basaltwerk Dietrichsberg seinen Betrieb auf, in erster Linie Zulieferer für den Schacht- und Bahnbau in Oechsen, später Hersteller von Straßenbaumaterial. Der Umgang mit den mitunter tonnenschweren Gesteinsbrocken ist körperliche Schwerstarbeit, die schon beginnt, wenn man im Winter vor Schichtbeginn erst den von Schnee blockierten Weg hinauf zum Bruch hinter sich bringen muss. Der Niedriglohn, der für jede mit Steinen zu beladene Lore gezahlt wird, verleitet dazu, sich selbst und seine Arbeitskraft rigoros auszubeuten. Forderungen auf Lohnerhöhung stoßen beim Werksleiter Hagemeier auf wenig Gegenliebe. Man gibt sie auf, weil man um den Arbeitsplatz bangt, auch wenn er damit teuer bezahlt werden muss.
Während der beiden Weltkriege sind Gefangene billige Arbeitskräfte im Bruch.
Ziegelwerk Philippsthal. Auch nach dort sind einige Gehauser täglich unterwegs, mit ihrer „Tretmühle“. Den schmalen Stundenlohn von 71 Pf. nimmt man angesichts der sich zuspitzenden Arbeitslosigkeit gegen Ende der 20er Jahre und trotz der schweren Arbeit an den Brennöfen notgedrungen in Kauf. Wollen wir dem inzwischen verstorbenen Christian Fuß Glauben schenken, so hat ein Eimer voll Wasser am Tag nicht ausgereicht, um den leidigen Durst zu stillen.
Aus dem Arbeitssuchenden von einst, der das Dorf verlässt, um irgendwo in der Fremde seinen Lebensunterhalt zu verdienen wird auf diese Weise der Gehauser Industrie- und Fabrikarbeiter, den ein beschiedener Wohlstand unabhängig vom einstigen alles bestimmenden Lehnsherren macht.
Die enge Verbindung unseres Dorfes und seiner Menschen mit dem Kalibergbau mögen es rechtfertigen, seiner Geschichte einen Platz in unserer Chronik einzuräumen.
Geht man seinen Anfängen nach, so stößt man auf den Namen des Bergrates und Berliner Bankiers Hadra, der um 1880 Bohrungen bei Kaiseroda durchführen lässt, allerdings in der Hoffnung, dort Steinsalz für den Betrieb einer Saline und zur Kochsalzgewinnung zu finden.
Im Jahr 1893 werden die Bohrungen an gleicher Stelle wieder aufgenommen, aber jetzt mit dem Ziel, auf Kalisalze zu treffen, deren Abbau in den Kaliwerken nördlich des Harzes sich inzwischen als lukratives Geschäft erwiesen hat.
Die angebohrten zwei Kalilager führen zur Gründung der Gewerkschaft „Kaiseroda“ (kapitalistische Gründungsgesellschaft), der sich in rascher Folge entlang der Werra bis hin nach Berka weitere Kalibetriebe anschließen:
Schon kurz nach der Jahrhundertwende setzt die Förderung ein.
Der Vorstoß des Kalibergbaues ins Feldatal ist eng mit dem Schacht Dietlas (Gewerkschaft „Großherzog Sachsen-Weimar“) verknüpft.
Dem ersten Spatenstich im Jahr 1898 folgt ein dramatischer Kampf mit dem Wasser. In 120 m Tiefe dringen um 700 Liter Wasser je Minute in den Schacht ein. Mit Hilfe s. g. Tübings (aufeinander gesetzte und miteinander verschraubte Eisenringe, die dem Schachtdurchmesser angepasst sind) gelingt es, dem Wasser Herr zu werden und den Schacht auf eine Tiefe von 266 m niederzubringen. Weitere 60 m werden in Mauerung durchgeführt. Noch aber ist der Wasser führende Plattendolomit nicht durchstoßen. Es bedarf des damals neuartigen Zementierungsverfahrens, riesige Mengen von Zement versinken dabei in die Schachtröhre, um den Wasserzustrom abzubinden.
Der 9. Juni 1904 ist ein bedeutsamer Tag. In 539 Meter Tiefe erreicht man das obere Kalilager. Bereits im Mai 1905 kann mit der Förderung begonnen und noch im gleichen Jahr die „Alte Chemische“, an der Bahnstrecke nach Vacha gelegen, über eine Seilhängebahn mit dem „weißen Gold“ versorgt werden.
Ihr folgt 1912, am entgegen gesetzten Ende von Dorndorf gelegen, die „Neue Chemische“. Sie verarbeitet die im Schacht „Heiligenroda“ bei Springen geförderten und ihr ebenfalls über eine Seilbahn zugeführten Kalisalze, was noch bis kurz nach der Wende geschah.
Am 1. Febr. 1911 wird mit dem Abteufen des Schachtes „Großherzog Sachsen II“ (später Menzengraben II) begonnen. Im Kampf gegen das Wasser wendet man das „Gefrierverfahren“ an, nachdem sich die „Zementierung“ als unwirksam erwiesen hat. Im Juli 1915 erreicht man in 530 Meter Tiefe das 5 Meter mächtige Carnallitlager. 1916 beginnt die Förderung.
Ungleich komplizierter ist das Abteufen des benachbarten Schachtes „Großherzog Sachsen III“ (später Menzengraben III). Als man die Region des Plattendolomits erreicht, ist der Wasserzustrom von den elektrisch betriebenen Zentrifugalpumpen nicht mehr zu bewältigen. Der Zustrom steigert sich bis zu 10 cbm je Minute. Im Okt. 1914 stellt man die Arbeiten ein, um sie erst 1920 wieder aufzunehmen. Wieder wird das „Gefrierverfahren“ angewendet. Bei Abschluss stellt man fest, dass über 60.000 Sack Zement versenkt werden mussten, ehe der Schacht III im Aug. 1923 fertig gestellt und im Dez. 1925 förderfähig ist.
Wachsende Förderleistungen, aber auch der Zwang, in Dorndorf das Salz von der schmalspurigen Feldabahn auf die Normalspur umzuladen, führen dazu, dass in Menzengraben eine eigene Fabrikanlage zur industriellen Weiterverarbeitung der geförderten Rohsalze entsteht.
Die allgemeine Wirtschaftslage ausnutzend, greift 1919 der Kalikonzern „Wintershall“, dem bereits die Kaliwerke an der Werra gehören, jetzt auch nach den Schächten der Gewerkschaft „Großherzog Sachsen“. Ihm gelingt es, die Anteilsrechte aus dem Besitz des ehemaligen Großherzogtums Weimar, die an den Staat Thüringen übergegangen waren, zu erwerben.
Der Protest der Belegschaften gegen diesen „Handel“, die nicht zu Unrecht eine Stilllegung der Schächte befürchten, bleibt wirkungslos. Tatsächlich werden die Schächte Dietlas, Menzengraben II und III und mit ihnen die Existenz vieler Bergleute, darunter auch Gehauser Bergarbeitern, kapitalistischen Profitinteressen geopfert.
Dietlas bleibt außer Betrieb und wird Wetterschacht der Schachtanlage Merkers. In Menzengraben läuft die Förderung 1927 in begrenztem Umfang wieder an. In Vorbereitung und während des faschistischen Krieges liefert der Schacht bis ins Jahr 1943 hinein Salzmineralien zur Herstellung der im Flugzeugbau benötigten Leichtmetalle. In der Grube Springen errichtet das KZ Buchenwald ein Nebenlager für KZ-Häftlinge.
Für das NS-Regime erhalten die Kalischächte vor dem sich abzeichnenden Zusammenbruch noch einmal ihre Bedeutung.
Von 1944 an ist die Grube „Kaiseroda“ Asyl für Kunstschätze und gleichzeitig Aufbewahrungsort für die Gold-, Devisen-, Aktien- und Papiergeldbestände der damaligen Deutschen Reichsbank. Im Schacht Dietlas sind Bestände des Goethe-Schiller-Nationalmuseums Weimar und Akten des Thüringischen Staatsarchivs Weimar und Meiningen untergebracht. In Menzengraben lagern große Mengen an Luftwaffenbekleidung.
Mit ihren im April 1945 ins Revier einmarschierenden Truppen treffen die US-Generäle Eisenhower, Bradley und Patton in Merkers ein und lassen die Gold- und weitere Wertdepots in die USA abtransportieren.
Ende 1909 hat inzwischen der Kalibergbau im benachbarten Oechsen seinen Einzug gehalten. Der Schacht „Heiligenmühle“ wird auf 520 m Tiefe niedergebracht, muss aber im Kampf gegen das Wasser des Plattendolomits 1914 endgültig aufgegeben werden. Aufgegeben wird auch der benachbarte auf 480 m geteufte Schacht „Mariengart„. Erste Opfer des Kalibergbaues aus unserem Ort sind die Schachthauer Hofmann und Schwittling, die bei Teufungsarbeiten ums Leben kommen. Zeugen aus dieser Vergangenheit sind die heute als Bauruinen zurückgebliebenen Gebäudereste und Betonfundamente in Niederoechsen.
Viele Menschen unseres Dorfes haben an der Geschichte des Kalibergbaues mitgeschrieben und ihren wechselvollen Verlauf am eigenen Leib miterlebt. Für das Dorf, das schon immer seine Menschen nicht alle ernähren konnte, war das Kali ein wahrer Segen, der jedoch seinen Preis kostete. Bis zum Arbeitsplatz in Dietlas, Menzengraben und der „Alten Chemischen“, für unsere Kalipioniere bis hin vor Ort im entfernt gelegenen Dippach, ja selbst bis zum Bahnhof Stadtlengsfeld später, ist erst einmal ein weiter und beschwerlicher Fußmarsch hinter sich zu bringen. Dann erst beginnt bei schmaler Kost und körperlich harter, Kräfte zehrender Arbeit in den Gruben der 8-Stundentag und in den Fabriken der12-Stundentag.
Am Ende der Schicht wartet wieder der lange Fußmarsch. Für die Gehauser in Menzengraben der strapaziöse Anstieg bis hinauf zur „Runden Buche“ (am Weg Hohenwart - Martinroda befindlich und heute durch den jungen Stamm eines Bergahorns ersetzt), die etwa die Hälfte der Wegstrecke von und zur Arbeit markiert. Denen, die der Zug nach Stadtlengsfeld bringt steht der 5-km-Marsch über die Hohenwart bevor.
Zusätzliche Mühen bringt der Winter mit sich, wenn Schnee und Eis die Wege blockieren.
Als das Fahrrad und später das Kleinkraftrad dann da sind, haben die Gehauser Bergleute auf ihrem täglichen Marsch Generationen von Schuhsohlen verbraucht.
Was sie in der Lohntüte nachhause bringen, ist für die oft kinderreiche Familie wenig genug. Die Arbeit in der kleinen Landwirtschaft als zusätzlicher Broterwerb ist daher notwendiger Bestandteil eines sonst schon langen und mühevollen Tagewerks. Bei vielen ist die „Bergmannskuh“, also jene kleinere oder größere Ziegenfamilie, wichtiger Nahrungsmittellieferant für den karg gedeckten Tisch.