

Literatur:
siehe Gehaus bis 1900
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Wenn ich jetzt aus der Dorfchronik von Gehaus des Paul Gerstung diesen Artikel über das Räuberunwesen zitiere, dann bin ich mir bewusst - das ist kein rühmliches Kapitel von Gehaus. Aber übe bitte Nachsicht, es handelt sich um die Zeit nach dem 30-jährigen Krieg. Viele lebten entwurzelt in den Wäldern, da ihre Besitzungen im Krieg zerstört, ihr Vieh von den Soldaten geschlachtet wurde, ihre Felder zerstört wurden. Viele mussten erst wieder lernen, wie man das Leben anders als durch Raub und Bettelei absichert. Allein, es lag ja nicht unbedingt am fehlenden guten Willen, bezahlte Arbeit war schwer zu bekommen. Ein zerstörtes Gemeinwesen braucht viel Zeit, sich neu zu organisieren. (sh. auch mein Weblog)
Wir müssen es wohl hinnehmen, dass unserem Dorf der alten Zeit der Makel einer zwielichtigen Vergangenheit anhaftet.
Da liegt dieses Dorf, oder was es damals war, in der Verborgenheit einer fast unzugänglichen Wildnis, ein passendes Versteck für lichtscheues und räuberisches Gesindel.
Ein erster Hinweis darauf stammt aus dem 14. Jh. Da ist es der Prior des Servitenklosters Mariengart, der sich in einem Schreiben an den Abt Heinrich von Fulda veranlasst sieht, wegen des unzureichenden Schutzes vor räuberischen Überfällen und des dadurch verursachten wirtschaftlichen Schadens die Übersiedlung nach Vacha in das dortige Servitenkloster zu erbitten, die dann 1368 auch zustande kommt.
Die uralte und heute noch gebräuchliche Flurbezeichnung „An der Diebsleite“ lässt vermuten, dass das Diebeswesen und eben auch räuberische Gewalt, in der Tat damals bei uns zuhause sind.
Schlimm geht es in den Jahrzehnten nach dem 30-jährigen Krieg zu, der als Strandgut verwilderte, heruntergekommene und hungernde Menschen hinterlässt. Sie bevölkern scharenweise die Landstraßen als Wegelagerer, Straßenräuber und Diebe, betteln, stehlen und schrecken auch vor Totschlag und Mord nicht zurück.
Ein wahrer Schrecken ist das umherstreunende Diebes-, Bettel- und Zigeunervolk für die Besitzer von Einzelhöfen. Wie ein Zeitdokument aus dem Jahr 1710 überliefert, „...brachte es mehr Schaden, denn die Heuschrecken“.
Die Räuberei, bandenweise oder einzeln betrieben, ist zum täglichen Geschäft geworden. Für manche vielleicht nur ein letzter Ausweg, um in der damals von Unterdrückung und Willkür geprägten Ordnung zu überleben.
Im Dunstkreis dieser Zeitverhältnisse wird 1709 die Hohenwart zum Ort eines Gewaltverbrechens. Wir lesen hierzu in der Kirchenchronik, wo es zum Begräbnis des Zwölfer Johann heißt: „ ... auf der Hohenwart vom 11. zum 12. Okt. von Dieben tödlich geschossen“.
Um 1720 gerät unser Dorf unmittelbar in den Bannkreis räuberischer Umtriebe, die eng mit dem Namen des Balthasar Krummfinger verknüpft sind. Die Krummfinger-Bande ist eine, in Stärke von 50 bis 150 Mann auftretende Räuberorganisation mit den bergigen Waldregionen des Thüringer-, Franken- und Böhmerwaldes sowie unserer Rhön als Verbreitungs- und Rückzugsgebiet.
Was es mit der Bande auf sich hat, darüber erfahren wir Einzelheiten aus dem s. g. Hildburghäuser bzw. Themaer Protokoll mit den Aussagen der Bandenmitglieder Mahr und Schwartzmüller, die unser Interesse verdienen.
Vom kleinen Diebstahl bis zu Raub, Mord, Plünderung, Kirchenschändung und Einbruch beherrscht die Bande danach alle Register der verbrecherischen Räuberei. Von der Leitung her ist sie straff organisiert, plant ihre Aktionen militärisch (besitzt Gewehre, Pistolen, Pulver, Degen, Dolch und Hirschfänger als Ausrüstung), richtet Verräter in ihren Reihen nach eigenen Gesetzen und weiß sich geschickt dem Zugriff der Obrigkeit zu entziehen, deren Militär und Miliz sie gelegentlich regelrechte Feuergefechte liefert.
Die Bande, die die Methoden der Illegalität beherrscht, schützt sich durch Deck- und Spitznamen, so wie „Krummfinger“ und auch unser „schwartzer Frieder“ Spitzbubennamen sind. Sie verstehen sich in der Spitzbubensprache als zuverlässiges Mittel der Verständigung untereinander.
Durch die enge Verbindung zu Bettlern, Hausierern, Straßenmusikanten, Marktgängern, Jahrmarktsgaucklern, Schankwirten und Zigeunern als Zuträger und Informanten verfügt sie über einen gut funktionierenden Nachrichtenapparat. Wie es heißt: „... sey unter den herumstreunenden Bettelleuten fast keiner, der es nicht mit der Bande halte und fast kein Krämer, kurtzer Waar Händler, der auf dem Land gieng, der nicht ein Dieb wäre und von Dieben gestohlene Waar annähme.“
Es fällt der Bande nicht schwer, mit Hilfe gefälschter Empfehlungs- und Ausweispapiere, s. g. Brandbriefen, sich beim gemeinen Volk einzukaufen und sich hierdurch in der Bevölkerung einen starken Rückhalt zu verschaffen. Dazu folgende Passage im Protokoll: „... darunter ein alter Mann, der eine einzige Tochter habe und zwey Stunden von Vacha, in einer Mühle im Holz wohne, der s. g. Biber, der ebenfalls falsch Briefe mache“.
Die Bande verleiht an besonders „verdienstvolle“ Mitglieder militärische Dienstgrade sowie Rang- und Adelsprädikate.
Über die Verbindung zu Amtsschreibern, Gerichtsdienern, Zuchtknechten sowie sonstigen Mittelspersonen verschafft sich die Bande illegal Zugang zu Ämtern und Behörden, zu denen sie enge, korrupte Beziehungen unterhält. Mahr sagt dazu aus:
Zu den Diebstählen, Überfällen und Raubzügen kommen bewaffnete Aktionen zur Befreiung der in Zuchthäusern festgesetzten „Kameraden“, von denen der Krummfinger-Bandit Mathäus Reuter unser Interesse verdient. Er ist Mitglied der 27-köpfigen Bande und in ihren Reihen einer der Hauptverdächtigten des am 26.5.1751 am Baiershof verübten Mordes an dem Boineburgschen Jäger Rohr aus Weilar.
Im Juni 1751 verhaftet und in Tiefenort eingesperrt,
Noch einmal gelingt ihm im Febr. 1752 ein Ausbruch aus dem Zuchthaus in Eisenach.
Die 1753 zu seiner Befreiung aus der Fronveste Hildburghausen unternommene Aktion misslingt. Der hierbei festgenommene Mahr wird zum wichtigen Kronzeugen und liefert der Justiz entscheidende Hinweise für gezielte Aktionen gegen die Bande und ihre spätere Zerschlagung.
Der Aktionsradius der Bande und ihr militärischer Befehlsapparat fordern die gesamte exekutive der Fürsten und Herzöge heraus. Die Androhung despotischer Strafmassnahmen soll darüber hinaus dazu beitragen, dem Bandenwesen endgültig den Garaus zu machen.
So ist die königlich-sächsische Verordnung vom Jahr 1722 geradezu ein Freibrief für den organisierten Menschenmord und die Jagd auf alle jene, die heimatlos und in die Wälder vertrieben, dort ihr Leben verteidigen. Da heißt es u. a.:
726 verfügt der Eisenacher Herzog Galgen, Strang und Schwert für alle diejenigen, wie es heißt:
Ein Mainzer Mandat von 1730 fordert
Vor dem Hintergrund dieser Zeitverhältnisse spielt Gehaus mit seiner Spelunke „beym schwartzen Frieder“ die Rolle eines regelrechten Räuberzentrums.
In Verbindung mit den räuberischen Aktionen ist unser Dorf innerhalb ihres Operationsgebietes eines der Zentren der Krummfinger-Bande und als s. g. starke Retirade ein als unbedingt sicher geltender Schlupfwinkel, Zufluchts- und Rückzugsort. Die abseitige Lage und eine Bevölkerung, die es zu einem großen Teil mit der Bande hält, mögen Gründe dafür sein. Andere kommen hinzu.
1722 spielt unser Dorf beim Durchschleusen einsickernder Banden aus dem Westen Deutschlands auf ihrem Weg in den Thüringer Wald als Anlaufpunkt eine strategisch wichtige Rolle. Bei dieser Aktion sollen bis zu 1500 Bandenmitglieder unser Dorf passiert haben.
Dass eine solche Massenbewegung möglich ist, macht deutlich, welch starken Rückhalt die Bande in der Bevölkerung hat und wie sie mit dem von ihr aufgebauten Netz „starker Retiraden“ militärisch umzugehen weiß.
Laut Hildburghäuser Protokoll gesteht der Inhaftierte Mahr: „... diejenigen, so ihn hierher geschicket (gemeint ist die o. a. Aktion zur Befreiung Reuters aus der Fronveste Hildburghausen, d. Chronist) hießen: der große Lips, Lorentz, Safrans Georg, Zippelfleisch der bucklige Andres (es folgen weitere Namen, d. Chronist), der schwartze Frieder, so in Gehaus wohne, dessen Frau Maria Appel genennet werde, sie alle zusammen in der Schenke zu Gehaus etwa vor 14 Tagen zusammengekommen und alle scharff und doppelte Gewehr und Hirschfänger bei sich führeten“.
Auch im „Themaer Protokoll“ erscheint Gehaus als Zufluchtsort lichtscheuen Gesindels. So kauft ein
Seinen Ruf als Räuberdomizil verdankt unser Dorf hauptsächlich dem „schwartzen Frieder“, jener legendären, im Bewusstsein unserer Menschen leider verblassten Gestalt aus unserer Dorfgeschichte. Er ist der anerkannte Boss der Gehauser Sektion der Krummfinger-Bande und zeitweise Besitzer der in unserem Dorf vorhandenen Schenke gleichen Namens.
Von verwegener Natur und als engster Vertrauter des Krummfinger Balthasar fehlt er auf keiner Fahndungsliste der Obrigkeit, die etwa ab 1730 die planmäßige Verfolgungskampagne gegen die Bande aufnimmt. Selbst nach deren Zerschlagung tritt er weiterhin als selbständiger Anführer einer neuen Bandenorganisation auf, sammelt um sich eine Gruppe von 84 Kumpanen und versteht es, auf thüringischhessischem Boden ein Jahrzehnt lang von 1758 bis 1768 Behörden, Ämter und Polizei in Atem zu halten.
Ähnlich dem Rhönpaulus, der um die gleiche Zeit lebt, hat ihn der Volksmund einmal zum Räuberhelden gemacht, der im Aufstand gegen die bestehende Ordnung sich der Not des kleinen Mannes annimmt. So gibt es auch in der folkloristischen Überlieferung über die Schenke zu Gehaus und den „schwartzen Frieder“ ein heute leider nicht mehr auffindbares Räuberlied.
Wo die Schenke sich damals befindet, ist nicht mehr auszumachen. Da es jedoch einen geheimen Pfad zum Schloss hin gegeben haben soll, muss sie ihren Platz irgendwo in dessen Nähe gehabt haben.
Wie es damals dort zugegangen sein mag, hat den Chronisten zu folgenden Versen angeregt: